Aufsatz 
Das Odenwälder Bauernhaus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

Widerspruch mit der Bestimmung vor, wonach das Kind als lebend geboren galt, welches die vier Wände und das Dach des Hauses erblicken konnte.

Von der Hausurne und dem suevisch-Taciteischen Hause bis zum fränkischen und alamannischen, wie wir sie heute vor uns sehen, ist ein weiter Weg. Die dazwischen liegenden Etappen der Entwickelung lassen sich unmöglich noch feststellen, höchstens mit einiger Sicher- heit vermuten. Dahin gehört z. B. die eben erwähnte Teilung des Einraumes. Für einen Zeitabschnitt ungefähr tausendjähriger Entwickelung, Bauernhäuser, die über das 16. Jhd. hinausgehen, dürften sich kaum finden, fehlt uns jeder Anhalt.

Dagegen haben wir Typen alter Häuser, die den Stempel der Ursprünglichkeit an sich tragen und sich fast unmittelbar an die erwähnten Grundformen angliedern lassen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die den Franken eigentümliche Hausform sich nicht nur bei ihrem weiteren Vordringen über das Rheinland und nach Oberdeutschland verbreitete, sondern auch in die von ihnen besetzten Gebiete Frankreichs mitgenommen wurde. Dort hat sie sich noch bis zum heutigen Tage erhalten in den Gegenden Nordfrankreichs, die infolge ihrer ausschlicsslich deutschen Besiedelung einer durchgreifenden Romanisierung Trotz boten.

Meitzen giebt(III, 291 u. 292) die Grundrisse von zwei einfachen Bauten, die in ihrer Einfachheit sicherlich zu den frühesten zu rechnen sind und geradezu als Ubergangsstufen vom alten Einraum zum späteren dreigeteilten Normalhause angesehen werden können. Beide haben, getreu der Grundform, den Eingang in der Mitte der einen Langseite.

Das eine, das in den Ardennen steht,(Fig. A) zeigt noch als Hauptraum den ausgedehnten Flur mit dem niedrigen grossen Herd in der Mitte, der so tat- sächlich noch den Mittelpunkt des ganzen Hauses repräsentiert; um ihn spielte sich das Leben der Familie im wesentlichen ab. Zu beiden Seiten liegen nur zwei

92

8 d B

schmale Kammern, die aller Wahrscheinlichkeit nur zum Schlafen dienen, ein Raum für den Herrn und die Frau des Hauses, der andere für Kinder oder Gesinde.

Das zweite Haus(Fig. B.), das in der Gegend der Somme und Canche weit verbreitet ist, zeigt schon wesentliche Unterschiede.

Auf Kosten des Flurs und Herdraumes sind die Kammern zu Wohnstuben erweitert und dementsprechend mit mehr Fenstern versehen. Daneben dienen sie selbst- verständlich auch als Schlafräume. Der Herd ist aus der Mitte an die eine Seite verschoben und heizt die eine Stube mit.

In dieser Hausform sehen wir bereits den Grundtypus des fränkischen Hauses der späteren Zeit, wie er sich jetzt noch in allen fränkischen Siedelungsgebieten und anch im Odenwald erhalten hat und trotz mancherlei Verschiedenheiten und Abweichungen immer wieder nachweisen lässt.

Seine Grundzüge und Hauptmerkmale seien kurz folgendermassen zusammengefasst:

Der Grundriss des fränkischen Hauses ist ein längliches Viereck. Das Haus steht immer mit einer Giebelseite nach der Strasse oder einer massgebenden Richtungslinie.

Auf einem niedrigen Sockel aus Hausteinen erhebt sich der zweistöckige Fachwerkbau.