Aufsatz 
Das Odenwälder Bauernhaus
Entstehung
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Vorwort.

Eine der erfreulichsten Errungenschaften des deutschen Volkes durch seine langersehnte Einigung nach dem letzten ruhmvollen Kriege ist unbestreitbar das wiedererwachte Selbst- bewusstsein der deutschen Stämme, einerseits das Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit, andererseits aber auch das ihrer vollberechtigten Eigentümlichkeit in Sprache, Sitte und Art.

Mögen auf dem Gebiete der inneren oder äusseren Politik die Meinungen bisweilen auch so heftig aufeinander stossen, dass es oft scheinen möchte, als ob es dem tückischen Loki gelingen könnte, den deutschen Völkerfrühling wieder zu erschlagen, die einmal erwachte Freude an deutscher Sitte und Art lässt sich nicht mehr ertöten oder auch nur eindämmen und macht von Jahr zu Jahr herzerfreuende Fortschritte. In allen Gauen des Vaterlandes haben sich Gesellschaften gebildet, die sich die Erforschung der volkstümlichen Sprache und Sitte der engeren Heimat zur Aufgabe gemacht haben, in der Überzeugung, dass hierin der wahre Jungbrunnen gegen alle Schäden und Gebrechen zu finden ist, die sich im Gefolge der Kultur und Überkultur einzustellen pflegen, aber auch in der Überzeugung, dass bei unserem heutigen ausgebildeten Verkehrswesen, die weltabgeschiedenen Täler, in die der Pfiff der Lokomotive noch nicht eingedrungen, sind zu zählen, die Gefahr der Verflachung von Stammesart und Volkssitte mit jedem Tage grösser wird und es sich darum handelt, die aus dem reichen Besitzstand früherer Zeit gebliebenen Reste zu sammeln. Während aber diese Bestrebungen in ihren Anfängen schon in den Beginn des 19. Jahrhunderts fallen und erst seit den siebziger Jahren ihren bedeutenden Aufschwung nahmen, hat sich noch weit später das Interesse einem Kleinod des deutschen Volkes zugewandt, das Eigenart und Stammeseigentüm- lichkeit ebenso charakteristisch zum Ausdruck bringt wie Mundart, Tracht und Sitte, dem deutschen Hause, d. h. dem deutschen Bauernhause, aus dem auch das Haus des Städters hervorgegangen ist, insoweit es nicht einer fremden Kultnr entlehnt wurde. Allerdings hat es auch auf diesem Gebiete nicht an Vorläufern gefehlt. Ein so feiner Kenner des Volkslebens in Stadt und Land wie Riehl konnte es sich natürlich nicht entgehen lassen, auch auf das deutsche Haus als Spiegel des deutschen Volksgeistes hinzuweisen, und auch die Lokalforschung es sei nur auf den verdienten Landau hingewiesen hatte schon manchen wertvollen Beitrag geliefert, ehe Rudolf Henning und in demselben Jahre(1882) A. Meitzen die ersten zusammenhängenden Darstellungen über das deutsche Haus und seine verschiedenen Grund- tormen veröffentlichten. Durch diese Schriften wurde eine mächtige Anregung gegeben, sie waren bahnbrechend, wollten und konnten aber in mehr als einer Beziehung nicht erschöpfend sein. Dazu fehlte es an Material, an einer über alle Gaue des Vaterlandes sich erstreckenden Forschung. Jedenfalls haben sie aber das unbestreitbare und unvergängliche Verdienst, die Lokalforschung zur Beschaffung des Materials für eine Entwicklungsgeschichte des deutschen Hauses eindringlich angeregt und auf wichtige Gesichtspunkte aufmerksam gemacht zu haben,

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