Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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Tenophon und Jſokrales.

T.

Sokrates hatte der geſchichtlichen Entwicklung des Staates und der herrſchenden Philoſophie ge⸗ genüber die Politik auf ethiſch⸗ariſtokratiſche Bahnen gewieſen: dieſe Richtung auf populärem Wege weiter zu verfolgen haben zwei Männer unternommen, die zwar nur an der Schwelle der Philoſophie¹), aber zu dem großen Reformator der Wiſſenſchaft doch in näherer oder entfernterer Beziehung ſtehen.

Xenophon und Iſokrates bekämpfen das demokratiſche Rechtsprincip des Staates, wie es in Athen am prägnanteſten entwickelt war, und die tyranniſchen Grundſätze der Politik, die Leben und Lehre der Zeit beherrſchten. Beiden iſt der Staat nicht bloß eine hemmende, ſondern auch eine ſelbſt hervorbringende, bildende und leitende Kraft; ſeine Aufgabe iſt es in den Bürgern ſittliche Tüchtigkeit zu erzeugen und dauernd zu befeſtigen: die politiſche Ordnung geſtaltet ſich ihnen zu einer Art von Erziehungsweſen. Beide verlangen von ethiſchem Standpuncte aus eine Herrſchaft der Beſten zum Vortheil und Wohl der Beherrſchten; Tugend und Einſicht gelten ihnen als die wahren politiſchen Prärogative, und mit dieſen Vorzügen ausgeſtattet ſind die Regierenden die Muſter und gleichſam Er⸗ zieher derer, die ihrer Leitung untergeben ſind: die Politik nimmt den Charakter einer Pädagogik in großen Verhältniſſen an.

Aber das Ethiſche, auf deſſen Grund und Maß beide Schriftſteller die Politik zurückzuführen beſtrebt ſind, baut ſich auf keiner philoſophiſchen Baſis auf. Sie bewegen ſich, unbewußt oder im ausgeſprochenen Gegenſatz zur Speculation, im weſentlichen innerhalb des Bereichs der allgemein gül⸗ tigen Meinungen und Vorſtellungen. Ihre Lehre tritt nicht in der Weiſe methodiſcher und wiſſen⸗ ſchaftlicher Entwickelung, ſondern in der der Vorſchrift oder Schilderung auf. Sie umkleiden endlich ihr Ideal mit hiſtoriſchen Formen; der Radicalismus der Idee, vor dem keine geſchichtliche Staats⸗ kunſt und Staatsbildung beſteht, liegt ihnen fern; mit der rückläufigen Tendenz vielmehr, die auch bei Sokrates gelegentlich ſchon hervortritt, wenden ſie ſich den urſprünglichen Verfaſſungs⸗ und Regierungs⸗ grundſätzen zu und ſtellen den Negationen der Gegenwart die Poſitionen der Vergangenheit gegenüber.

In der ethiſchen, der ariſtokratiſchen und reſtauratoriſchen Richtung begegnen ſich Xenophon und Iſokrates. Wie ſie ihre politiſchen Ideen im beſonderen ausgeführt, der eine mehr von lakoniſchen, der andere mehr von attiſchen Sympathieen geleitet, wird demnächſt in den Grundzügen zu entwickelnt unſere Aufgabe ſein.

NXenophons politiſche Hauptſchrift iſtjenes Werk, welches die geſammte romantiſche Poeſie er⸗

1. Xenopbon nimmt eine ähnliche Mittelſtellung zwiſchen Philoſophie undPolitik ein, wie Platon ſie dem Iſokrates im Euthydemus zuweist; ſ. II. Anm. 2. 1 1*