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Die Herodotlektüre ist nach den Bestimmungen des hessischen Lehrplans besser gestellt als in Preußen, insofern Herodot für die Obersekunda der hessischen Gymnasien der einzige Prosaiker ist, während sich nach den in Preußen geltenden Vorschriften in die neben Homer zur Verfügung stehende Zeit zwei Prosaiker teilen müssen, Herodot und Xenophon(Memorabilien).¹) Maßgebend für die hessische Bestimmung ist wohl die Anschauung, daß es besser sei, in einem Schriftsteller recht heimisch zu werden, als zwei nur weniger gründlich kennen zu lernen. In Hessen wird demnach der Herodotlektüre ungefäihr die Hälfte des Jahres gewidmet werden können.
Schon in Hinsicht auf die zu Gebote stehende Zeit ist es von vornherein ausgeschlossen, daß der ganze Schriftsteller gelesen wird. Auch ist ja für uns nicht alles wertvoll, was die alten Griechen interessiert hat. Für sie hat doch wohl Herodot in erster Linie geschrieben, nicht für uns. Daraus erwächst die Aufgabe, eine nach bestimmten Gesichtspunkten vorzunehmende Auswahl zu treffen, die vor allem den Bedürfnissen der Schule Rechnung trägt. Dabei wird es sich empfehlen, vorwiegend das zu berücksichtigen, was in erzieherischer Beziehung bedeutsam und wertvoll ist, mag es nun ver-— treten sein in Gegenständen, Zuständen, Ereignissen, Persönlich- keiten oder bloßen Gedanken, Begriffen und Vorstellungen. Dann nur wird das Interesse, die stärkeste Triebfeder beim Lernen und Studieren, andauernd erregt.
Bei alledem soll aber der Schüler einen Einblick bekommen in den Künstlerischen Aufbau des ganzen Werkes. Das Ausgewählte muß also ein abgeschlossenes Ganzes darstellen, das aber zugleich einen Durchblick durch das Werk in seiner Gesamtheit gestattet.
Der Gegenstand, der bei Herodot im Mittelpunkt der ganzen Darstellung steht, und auf den schließlich alle Fäden zurücklaufen, sind die griechischen Freiheitskämpfe.«Der große Gesichtspunkct, unter dem Herodot selbst seine Aufgabe betrachtet hat— der ewige Kampf und Gegensatz Europa: Asien, Hellenen: Barbaren. Occident: Orient, der sich durch die ganze Geschichte zieht— dieser große Gesichtspunlet giebt dieser Lektüre den tieferen Hintergrund, giebt Gelegenheit und Antrieb, den heutigen Tag mit der grauen Vorzeit zu verbinden. Diese Vorgéënge haben noch heute, nach mehr als zweitausend Jahren, für uns
¹) Gegen diese Bestimmung des preußischen Lehrplans haben sich in Preußen selbst viele Stimmen erhoben. Die Angriffe richten sich haupt- sächlich auf Beseitigung der Memorabilien, um für Herodot mehr Zeit zu gewinnen. Auch Jäger, Lehrkunst und Lehrhandwerk, S. 419, teilt diesen Standpunkt. Was dem Schüler aus den Memorabilien wirklich tieferes Interesse einflöße, sei nicht viel. Der Hauptprosaiker der Klasse müsse jedenfalls Herodot bleiben.— Wenn aber durchaus zwei Prosaiker bei- behalten werden sollen, dann dürfte sich eher Arrian empfehlen. Diese Frage hat eingehend erörtert: Fr. Schmidt in Z. f. d. G., 1898, S. 519 ff.


