Der folgende Abriß der deutschen Literaturgeschichte ist der Entwurf zu einem Heftchen, das für die Hand des Schülers und zum Gebrauche beim Unterricht in den oberen Klassen bestimmt ist. Es wird auf wissenschaftliche Richtigkeit und Genauigkeit ebensoviel Wert gelegt wie auf praktische Verwendbarkeit durch Auswahl und Anordnung des Stoffes. Beides kann natürlich nicht als originelle Leistung in Anspruch genommen werden. Was aus wissenschaftlichen Literaturgeschichten und Handbüchern, was aus akademischen Vorlesungen und UÜbungen für den ersten Zweck entnommen ist, läßt sich ebensowenig zusammenstellen wie das, was zur Erreichung des zweiten der pädagogischen Literatur und der lebendigen Anregung durch andere verdankt wird. Eine eingehende Betrachtung der pädagogischen Literatur über die Frage, sowie Benutzung der bereits vorhandenen ähnlichen Versuche ist absichtlich unterlassen worden. In der Natur der Sache liegt es, daß der erste Gesichtspunkt manchmal dem zweiten untergeordnet werden mußte. Namentlich ist dies der Fall beim 19. Jahrhundert, wo die verschiedenen Versuche einer Periodisierung— von neueren nenne ich R. M. Meyer, Lamprecht, Weitbrecht, Bartels— wohl noch zu keinem endgültigen Ergebnis geführt haben. Es sollte mich freuen, wenn vor Herausgabe des Heftchens zu allgemeinerer Benutzung Anregungen erfahrener Fachmänner mir viele Verbesserungen ermöglichten, ich vürde es aber auch nicht bedauern, wenn andere bessere Vorschläge mir die Heraus- gabe unnötig machten.
Unter den zahlreichen Angriffen, die gerade in letzter Zeit gegen unsern Unterrichts- betrieb, zumal in den humanistischen Gymnasien, gerichtet werden, tritt besonders der hervor, daß der deutschen Muttersprache zu wenig Raum im Rahmen unserer Lehrpläne angewiesen sei. Diesem Vorwurfe wird ja seine Spitze schon genommen, wenn man bedenkt, daß als Unterricht in der deutschen Sprache nicht nur das zu betrachten ist, was in den 3 bis 5 Stunden des eigentlichen deutschen Unterrichts geschieht, sondern das mit berücksichtigt, was die andern Fächer für die Ausbildung in der deutschen Sprache leisten. Abgesehen von einem Teile der Stunden, die den neueren Sprachen gewidmet sind, ist die deutsche Sprache doch überall Unterrichtssprache, die logische Schulung in fremdsprachlicher Grammatik und Mathematik kommt mittelbar der Muttersprache zu gute, Ausdrucksfähigkeit und Vortrag werden beständig in Religion, Geschichte, Geographie, Physik geübt, und daß vor allem die ÜUbersetzungen aus den fremden Sprachen, besonders aus den alten, für die Bildung der eigenen außerordentlich wertvoll sind, hat die Geschichte aller Literaturen gezeigt.
Aber damit fällt nur ein Teil des Vorwurfes. Mit Recht glaubt man immer noch einwenden zu können, daß den Erzeugnissen unserer nationalen Literatur im Vergleich z. B. zu denen des klassischen Altertums zu wenig Zeit und Kraft zur Verfügung


