Aufsatz 
Die Gründung der nordostdeutschen Kolonialstädte und ihre Entwicklung bis zum Ende des 13. Jahrhunderts
Entstehung
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36.

7. Umfang der Stadtgründungen und ihre Bedeutung für die Folgezeit.

Da uns sehr viele Gründungsurkunden verloren gegangen sind, so läſst sich leider die Zahl der Städte, die während des 13. Jahr- hunderts jenseit der Elbe und Saale von deutschen Ansiedlern er- baut worden sind, nur annähernd richtig abschätzen; aus dem 12. Jahrhundert stammen nur einige wenige, darunter Lübeck, Havelberg, Brandenburg, Perleberg und Jüterbogk. Die meisten Gründungen erfolgten in Brandenburg, ungefähr 100. Von Mecklen- burg fehlen noch genauere Nachweisungen, doch scheint es, als ob fast alle dortigen Städte, gegen 50, bereits vor 1250 errichtet worden sind. Von den 73 pommerschen Städten ist mehr als die Hälfte, nämlich 41, hauptsächlich von Herzog Barnim I in jenem Jahr- hundert nach deutschem Recht angelegt worden. In Preuſsen lassen sich mit Sicherheit über 30 Städte auf dieselbe Zeit zurückführen und in Posen 17; aber für diese beiden Provinzen würden wir, wenn die Urkunden nicht so lückenhaft erhalten wären, zweifellos auf bedeutend höhere Zahlen kommen. Schlesien sah bis 1266 etwa 30 Städte ins Leben treten, bis zum Jahre 1300 noch wenigstens ebensoviele. Nehmen wir dazu noch die Neugründungen in Meilsen, der Lausitz und Livland, so ergiebt sich eine Gesamtzahl von mindestens 350 Städten, die damals plammäſsig aufgebaut wurden. Das ist doch in der That ein groſsartiges Zeugnis deutscher Volks- kraft und eine Leistung, die uns um so mehr in Verwunderung setzen muſs, als sie ja blofls einen Teil der gewaltigen ostwärts ge- richteten Ausbreitung unseres Volkes während jener Jahrhunderte in sich begreift. Denn gleichzeitig mit den Städten kolonisierte es ja auch das dazwischenliegende platte Land und zwar so gründlich, dals heute in weiten Räumen jenseit der Elbe kaum eine Spur undeutschen Wesens mehr zu finden ist. Die Folgen, die dieser Vorgang fär die weitere Entwickelung pnicht Deutschlands allein, sondern ganz Europas gehabt hat, sind unübersehbar. In wirt- schaftlicher, sozialer und religiöser Beziehung, in Wissenschaft, Kunst und Litteratur hat das östliche Kolonialgebiet während der späteren Jahrhunderte auf das deutsche Mutterland einen tiefgehenden, auſserordentlich heilsamen Einfluls ausgeübt; aber geradezu un-