Aufsatz 
Das Verhältnis von Goethes "Romeo und Julia" zu Shakespeares gleichnamiger Tragödie / von G. R. Hauschild
Entstehung
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III. Chronik.

lI. Lehrer und Schüler.

Mit dem Schlusse des vorigen Schuljahres schied aus unserem Kreise wieder ein Mann, in dem die gute alte Uberlieferung des einstigen städtischen Gymnasiums und sodann des Goethe-Gymnasiums gewissermaßen verkörpert war, Herr Professor Dr. Emil Römer, hoffentlich, um nach vieljähriger schwerer und treuer Arbeit noch recht lange sich eines ruhigen Lebensabends zu erfreuen. Geboren am 4. April 1845, trat Herr Professor Dr. Römer sogleich nach dem Bestehen der Staatsprüfung im Herbst 1873 als Lehrer am städtischen Gymnasium hierselbst ein und hat diesem und dann dem Goethe-Gymnasium mit Ausnahme eines halben Jahres, während dessen er an der Musterschule beschäftigt war, bis zu seiner Pensionierung angehört. Es sei mir gestattet, die kurzen Worte hierunter zu setzen, in denen ich bei der Progressionsfeier dem Scheidenden den Dank der Anstalt aussprach:

Verehrter Herr Kollege Römer! Einem doppelten Abschied gilt diese Stunde: wenn heute unsere Jugend fröhlich in das laute Leben hinausströmt, so scheiden Sie aus unserer Mitte, um in der Stille von mehr als dreißigjähriger Arbeit zu ruhen. Unseren Jünglingen rief der Dichter zu: Und dein Leben sei die Tat; Ihnen können wir alle es bezeugen, daß Ihr ganzes Leben unter dem Zeichen dieses Wortes gestanden hat. Durch ernste und harte Arbeit haben Sie schon als Jüngling sich die äußeren Bedingungen Ihres Studiums schaffen müssen; ernste und harte Arbeit im Dienste unsérer Stadt Frankfurt hat dann mehr als dreißig Jahre Ihres Lebens ausgefüllt; und weil Sie heute das Gefühl haben, daß Ihre Kraft den Ansprüchen, die Sie an solche Arbeit stellen, nicht mehr genügt, deshalb scheiden Sie heute aus freiem Willen aus unserer Mitte.

Als ich Sie kennen lernte waren Sie über die Jahre hinaus, in denen man sich leicht neuen Bekannt- schaften erschließt. Trotzdem glaube ich die beiden Seiten richtig zu erkennen, nach denen Ihr Wesen sich zum Segen unserer Anstalt entfaltet hat. Wenn Ihre alten Schüler Sie als Lehrer charakterisieren wollten, so waren Sie ihnen immer zunächst der grammaticus. Das ist eine Seite unserer Lehrertätigkeit, die heutzutage von Draußenstehenden nicht eben hoch geschätzt, höchstens als unbequeme Notwendigkeit zugelassen wird; ich weiß mich mit Ihnen einig darin, daß für die Verächter der Grammatik der Satz gilt: ars non habet osorem nisi ignorantem. Ein sprachlicher Unterricht, der auf eine feste grammatische Grundlage verzichtet, entartet zu einem Spiel, das möglicherweise geistreich sein kann, das aber dem Schüler niemals die Strenge des Denkens anerzieht, die er für die Wissenschaft braucht. Dessen war sich Reinhardt wohl bewußt, als er Sie einlud, sein Mitarbeiter zu werden; und wenn jetzt auch Gegner des Reformplans dem Goethe-Gymnasium zugestehen, daß es an Solidität der grammatischen Grundlage hinter den althumanistischen Anstalten nicht zurücksteht, so dürfen Sie ein volles Maß des Dankes dafür in Anspruch nehmen.

Wichtiger freilich als der Didaktiker ist der Mensch. Vor mehr als 30 Jahren nannte Ihr Lehrer Oncken Sie in einem Briefe an Tycho Mommseneinen Charakter von nicht gewöhnlichem Metall; als solcher haben Sie sich ein Menschenalter lang bewährt. Sie sind immer ein aufrechter Mann gewesen, der nie eine Regung von Menschenfurcht bei sich zu überwinden brauchte, der immer bereit war für das, was er für recht hielt, seine ganze Persönlichkeit einzusetzen. Und so sind Sie unserer gutherzigen, aber auch leichtlebigen Jugend gegenüber getreten als ein strenger Mahner zur Pflicht, und es lebt noch mancher, der längst Ihrer Zucht ent- wachsen ist und sich doch noch wohl daran erinnert, wie peinlich es war, Ihrem Blick zu begegnen, wenn man seine Pflicht versäumt hatte. Daß Sie mit solcher Strenge auch Milde, auch Verständnis für menschliche Schwäche zu einen wußten, wenn es auf die schließliche Entscheidung ankam, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung be- zeugen, und die besten Zeugen waren mir Ihre alten Schüler, mit denen ich beim Reinhardt-Kommers zusammensaß und die lange in behaglichem Gespräch ihre Erinnerungen an Sie austauschten. Er war ein ganzer Mann das klang aus allen ihren Reden, und das Wort werden wir alle, die wir Sie kennen, Ihre Kollegen wie Ihre Schüler, unterschreiben.