Aufsatz 
Das Verhältnis von Goethes "Romeo und Julia" zu Shakespeares gleichnamiger Tragödie / von G. R. Hauschild
Entstehung
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M 1639

M 1674

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S. Malone folgend, läßt es Julien sprechen und übersetzt:O Schlangenherz, von Blumen iberdecht! immerhin noch besser als später:O Schlangenseele unter Blumenaugen! Goethen gefiel auch dasvon Blumen überdeckte Schlangenherz nicht und übersetzte, vielleicht von W und allen E mit ihremO des Schlangenherzens, unter einer blühenden Gestalt verborgen auf den Urtext gewiesen:O Schlangenherz mit blühendem Gesicht!

Romeon gegen die Ausfälle der Wärterin in Schutz nehmend, sagt J. bei Sh III, 2, 1639: O what a beast was J to chide at him? S übersetzte es mit:O wie unmenschlich war ich ihn zu schelten! Die E gaben es mit:O! wie schündlich that ich, daß ich auf ihn schalt! W kam dem Urtext am nächsten mitWas für eine Unglückliche war ich etc. Durch ihn auf den Urtext gewiesen, übersetzte nun G diesem am entsprechendsten: Welch Ungeheuer war ich, ihn zu schelten! Goethe hat also das Substantiv des Textes aufrecht erhalten und durchUngeheuer alles das ausgedrückt, was wir bei dem beast des Originals uns wohl denken könnten. ⁵²)

Bezüglich des von der Wärterin ihr berichteten Verhaltens ihrer Eltern an der Leiche Tybalts sagt J. bei Sh III, 2, 1674:

Wash they his wounds with teares? mine shall be spent, When theirs are dryf for Romeos banishment. Bei S fand Goethe dafür: So waschen sie die Wanden ihm mit Thränen? Ich spare meine für ein bängres Sehnen.

Hätte S etwa gegeben:für ein bängres Schicksal,für eine trübere Zukunft, so würde man sich immerhin denken können, was er wohl meinte. Aber wonachsehnt sich denn J., und was ist ihr nach ihren eigenen vorausgehenden Wortenbänger, als die schon ver- nommene Botschaft:Verbannt ist Romeo!? Sehnt sie sich etwa nach dem Tode ihrer Eltern? Gewiß nicht: Die Botschaft davon wäre ihr jedenfalls nichtbänger gewesen; hat sie doch auch darüber schon gesagt:Das hätte sanftre Klage wohl erregt. Sehnt sie sich nach Romeos Tod? Doch auch nicht; denn dann hätten ihre ganzen Klagen über seine Verbannung keinen Sinn; wenn sie aber v. 1679 sagt:Ich aber sterb' als Braut im Witwenstande, so wissen wir, daß sie unter demWitwenstande eben ihr Verwaistsein durch Romeos Verbannung meint. Oder sehnt sie sich etwa nach ihrem Tode? wünscht sie lieber selbst zu sterben als noch weiter zu leben, wenn Romeo während dieses Lebens nicht bei ihr sein darf? Man könnte das ja ausden Tod erwart' ich dort(v. 1681) schließen: aber wir wissen, daß nur ihr durch Romeos Verbannung veranlaßtes Alleinsein ihr so gut wie der Tod ist; und selbst wenn sie ihren leibhaftigen Tod damit meinte, wie könnte sie dasSehnen nach dem einen oder dem andern als einbängeres bezeichnen, wenn sie doch solche Lust gehabt hätte abzuscheiden? Was S meint, geht wohl aus allen solchen

) Dafür, daß es nicht so leicht ist, in der eignen Sprache mit einem guten Worte auszudrücken, was man etwa bei einem solchen der fremden Sprache fühlt, mag Holtermann zeugen, welcher im Münster- schen Programm von 1892Vergleichung der Schlegelschen und Voßschen Ubersetzung von Shakespeare'sRomeo und Juliet S. 19 f. sagt:Wir lesen bei Voß:Ha, welch ein Vieh war ich. Wollte er den kräftigen Aus- druck Shakespeare'sbeast beibehalten, so mußte er etwa sagenwildes Tier: es kommt eben auf die Grausamkeit an. Man sagt wohl ein dummes Vieh, aber nicht ein grausames Vieh. Einen andern Wert dafür gibt aber H. auch nicht!