Aufsatz 
Zum Unterricht in den neueren Sprachen
Entstehung
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Muttersprache richtig, ohne mit Grammatik gequält zu werden, und die Menge rote Tinte, die man bei der alten Methode verbrauche, spreche nicht sehr zu Gunsten dieser Art des Unterrichtes.(Daß die Kinder früher auch viele Fehler machten, ist nicht in Abrede zu stellen und mögen sich namentlich alle Laienkreise in Feinnerung bringen, die über die Reform klagen und die alte Zeit mit ihrer scheinbar gut fundierten grammatischen Kenntnis so oft gegenüber der neuen ausspielen). Aber, kann man den Reformern erwidern n, die nach der strengsten Reform unterrichteten Schüler machen nicht weniger Fehler. Während jedoch jene nur beweisen, daß die Grammatik eben etwas Schweres ist, das nicht leicht überwun- den wird und ständig geübt werden muß, macht man bei diesen den Mangel eines ausrei- chenden grammatischen Unterrichtes für die Versehen haftbar, und auch ich tue es. Weil der frühere Weg nicht ganz zum Ziele führte, sollte man ihn völlig verlassen? Vielleicht braucht man nur ein anderes Tempo zu nehmen, um manche Hindernisse auf dem W ege zu beseitigen? Denn mit der mechanischen, unbewußten Aneignung, besonders in der Syntax, verhält es sich doch ganz anders, als manche Reformer uns glauben machen wollen. Wie kann man überhaupt die Muttersprache zum Vergleiche heranzichen? Die Syntax des Deut- schen ist der englischen in gewisser Hinsicht gleich, beide sind höchst einfach, und wenn die Unterschiede auch mannigfach sind, könnte das Englische vielleicht durch viele Lektüre ohne allzuviele grammatische Unterweisung erlernt werden. Das Französische jedoch weicht vom Deutschen so sehr ab. Noch so viele Lektüre, noch so vieles Sprechen könnten die grammatische Anleitung nicht entbehrlich machen. Und was heißt in unseren Schulenviel Sprechen und Lesen? Höchstens werden dem Französischen sechs Stunden wöchentlich gewidmet. Genügt das für die unbewußte Aneignung? Ja, wenn wir einen Lehrplan wie das Französische Gymnasium in Berlin hätten, wo von einer bestimmten Klasse an die Unterrichtssprache für alle Fächer das Französische ist, dann hörten die Kinder viel Fran- zösisch und wären gezwungen, viel Französisch zu sprechen. Was bedeutet aber für das den Reformern vorschwebende Ziel eine knappe Stunde, und wohlgemerkt! im Klassen-, nicht Einzelunterricht? Also mit dem Vergleiche mit der Muttersprache ist es schon aus diesem Grunde nichts. Um riehtig sprechen und schreiben zu können, muß die Grammatik sorgfältig gepflegt werden, sonst tappt man blind herum und weiß in einem zweifelhaften Falle keine Entscheidung zu treffen. In der Muttersprache sagt einem oft schon das Gefühl das Richtige, wie tief muß man sich aber bereits in eine fremde Sprache versenkt haben. um sich da auf sein Gefühl verlassen zu können!

Räumen wir aber der Grammatik einen systematischen Unterricht ein, dann dürfen auch die Übungen, d. h. die ⁵bersetzungen aus dem Deutschen in die fremde Sprache, nicht fehlen, und in äicser Beziehung stehe ich völlig auf dem Boden der Lehrpläne. Nur möchte ich Schüler und Eltern dringend vor etwas warnen, nämlich der Überschätzung des Wertes des Extemporale. Dieses hat für uns Lehrer, die einer gesunden Reform huldigen, nur eine untergeordnete Bedeutung, es soll eine Ubung, keine Prüfung sein; es ist höchstens für uns ein Prüfstein, ob die Schüler schon der Aufgabe gewachsen sind, vor die wir sie gestellt haben. Das Extemporale ist nicht mehr etwas so Furchtbares wie in der alten Zeit. Die Lehrpläne ordnen für das Französische und Englische Folgendes an:Die Texte für die häuslichen oder Klassenübersetzungen hat in der Regel der Lehrer, und zwar im Anschlulz an Gelesenes, zu entwerfen. Dieselben sind einfach zu halten und fast nur als Rücküber- setzungen zu behandeln. Von grammatischen Feinheiten wird obnehin Abstand genommen,