Aufsatz 
Das Leben des Landgrafen Kasimir Wilhelm von Hessen-Homburg 1690-1726 : nach archivalischen Quellen dargestellt / von W. Hammann
Entstehung
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war, während Prinz Ludwig Georg ¹) das von sceinem Bruder begehrte Amt Oebisfelde mit Winningen sich erlost hatte. ²) Zur Uebersiedelung nach dem entlegenen, reizlosen Hötensleben mögen den Landgrafen die verschiedenen Streitigkeiten und Prozesse bestimmt haben, in die er wegen der Erbteilung mit seinem Bruder, dem regierenden Landgrafen zu Homburg, und seinem Schwager, dem Grafen Friedrich Wilhelm von Solms-Braunfels, geraten war. Bereits Anfang September waren nach Herrichtung der Wohngebäude Fuhrleute mit Möbeln und Gütern von Homburg und Braunfels nach Hötensleben abgegangen. Der Landgraf und seine Gemahlin besuchten in dieser Zeit wiederholt Frankfurt, um die für die Neueinrichtung nötigen Einkäufe zu besorgen. Am 28. September reisten dann beide mit Madame Scriba und zwei Lakaien nach Utphe und von hier zur Verabschiedung nach Laubach, wo der Landgraf am gräflichen Hofe sich zwei Tage zur Jagd aufhielt. Am 2. Oktober traf der Landgraf seine vorausgereiste Gemahlin in Alsfeld, wohin das Kind mit seiner Begleitung nachgekommen war. Die Reise ging dann über Hersfeld(3. Okt.), Eisenach, Gotha(4. Okt.), über Erfurt nach Hardisleben bei Weimar(5. Okt.); hier verweilte man am Hofe der verwitweten Herzogin von Sachsen-Weimar, einer Schwester Kasimirs, 7 Tage. Am 11. Oktober reiste der kleine Prinz mit seiner Begleitung in einer Chaise, die die Herzogin zur Verfügung gestellt hatte, voraus, während am nächsten Tage die Eltern mit der Post folgten. Die grosse Karosse, die seither zur Reise gedient hatte, wurde in Hardisleben in Verwahr gegeben. Am 13. Oktober gelangten die Reisenden nach der Homburger Besitzung Winningen, und am 15. Oktober morgens kam der Landgraf, am 16. Okt. mittags seine Gemahlin mit dem Kinde in ihrer neuen Heimat Hötensleben an. In dem dortigen „Schlosse“ nahm Landgraf Kasimir mit seiner Familie fortan seinen dauernden Wohnsitz. In sein Jagdbuch schrieb er kurz nach seiner Uebersiedelung:„Gott beschütze und bewahre uns vor Unglück und Schaden bey diesem neuen Etablissement, und lasse uns unsere Jahre ruhiger als bishero zurücklegen.“

Er beschäftigte sich angelegentlich mit der Verwaltung seines Besitztums, die er grössten- teils persönlich führte, und trieb ausgedehnte Obstbaumzucht. Seine freie Zeit füllte der an Müssiggang nicht gewöhnte Fürst mit seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, die ihm so leicht kein Wind noch Wetter verleidete, mit der Lektüre deutscher und französischer Werke ³) und der Aufzeichnung seiner Erinnerungen aus. Doch auch in der Hötenslebener Zeit beschäftigten den rührigen Landgrafen noch weitausschauende Pläne, und er glaubte sich einst noch zu Grossem in der Welt berufen. Alle seine Hoffnungen setzte er dabei auf den König Friedrich von Schweden, mit dessen Familie ihn nahe verwandtschaftliche Beziehungen verbanden. Aber die Welt war eine andere geworden, und die Zeiten eines Ludwig XIV. und Karl XII. waren unwiederbringlich dahin. Die verschiedenen Enttäuschungen und Misserfolge, die meist unver- schuldet den Landgrafen in seinem Leben getroffen hatten, wirkten verdüsternd auf sein em- pfängliches Gemüt; dazu kamen die mancherlei Verdriesslichkeiten und Schwierigkeiten, die ihm aus den früher für die Feldzüge und seine Reisen gemachten Anleihen und aus der Verschuldung seines Hauses erwuchsen. Als vergeblich erwiesen sich auch alle Versuche des Landgrafen, in Besitz einer der wohl dotierten Stellen des Magdeburger Domherrnstiftes zu gelangen, obwoh!

¹) Ludwig Georg war durch seine Vermählung mit Christine Magdalene, der Erbtochter Wollrads von Limburg-Sontheim(1710), und durch das Erbe seiner Mutter Herr der Besitzungen zu Oberbronn, Niederbronn, Forbach und Limburg. Er hatte das Opfer seiner iiberzeugung gebracht und war zur katholischen Religion seiner Gemahlin übergetreten.

²) Die hessen-homburgischen Güter zu Hötensleben und Oebisfelde kamen im Jahre 1866 in den Besitz des Grossherzogs von Hessen und werden von einem besonderen Amterkommissare durch die Grossh. Kabinetts- direktion verwaltet. Winningen ging bereits früher nach langwierigem Prozesse an Braunschweig verloren.

³) Ein Verzeichnis der reichhaltigen Bibliothek des Landgrafen findet sich von seiner Hand im Grossh.

Haus- und Staatsarchiv zu Darmstadt. 4