— 32—
einer hiſtoriſchen Grammatik ſei. Daher arbeitete er nun den erſten Theil ſeiner Gram⸗ matik gänzlich um, und fing in ſeiner zweiten Ausgabe dieſes Theiles mit der Lautlehre an, worauf er die Flexionslehre folgen ließ, während die erſte Ausgabe nur die Flexions⸗ lehre enthielt, natürlich mit manchen ihm ſchon feſtſtehenden Grundſätzen der Lautlehre. Im J. 1822 erſchien dieſe völlig umgearbeitete Auflage. In ihr bediente ſich auch Grimm, was er in der Folge immer that, der lateiniſchen Buchſtaben. Auch ſchrieb er hier zum erſten Mal alle Wörter mit kleinen Anfangsbuchſtaben, ausgenommen die Eigennamen und das erſte Wort des Satzes. Dieſe Ausgabe zeichnet ſich, abgeſehen von dieſer mehr äußer⸗ lichen Originalität, ganz beſonders durch die Lautlehre aus.
Die Wiſſenſchaft der Lautlehre hat Grimm durch ſein Werk erſt geſchaffen. Er widmet mit faſt minutiöſer Genauigkeit jedem einzelnen Laut eine beſondere Betrachtung, verfolgt dann mit unübertrefflichem Scharfſinn deſſen im Laufe der Zeit vor ſich gegangene Umwand⸗ lung in einen anderen Laut und beweiſt(und darauf iſt beſonders Gewicht zu legen), daß in dieſer Umwandlung keine Willkür, ſondern ein Geſetz liege. Und indem er ein Geſetz der Lautumwandlung aufſtellt, hat er erſt die Möglichkeit gegeben, eine Geſchichte der Sprache zu ſchreiben. Er legte damit zugleich auch den Grund zur vergleichenden Sprachforſchung und hat der Etymologie nicht hoch genug anzuſchlagende Dienſte geleiſtet. Während die Etymologie zur Baſis bisher die Wortbedeutung hatte, ſo wurden jetzt die Lautum- wandlungsgeſetze die Baſis derſelben. Auf dem Gebiete der Lautlehre hat nun Grimm mannigfache merkwürdige Entdeckungen gemacht. Ehe wir ſeine wichtigſte Entdeckung, auf dem Gebiete des Conſonantismus, anführen, wollen wir ſeine gleichfalls neuen Anſchauungen im Bereich der Vocale kurz beſprechen.
Unter Ablaut verſteht Jakob Grimm denjenigen Vocal, der aus einem anderen derſelben Wurzel entſtanden iſt. Von der Wurzel„ſprechen“ z. B. wird abgeleitet die Form „ſprach“; das a in dem Worte„ſprach“ iſt der Ablaut von e in dem Worte„ſprechen“. Ebenſo wird von der Wurzel„fließen abgeleitet die Form„floß“, alſo aus ie wird o; o iſt demnach hier der Ablaut von ie. Wenn alſo aus dem Wurzelvocal ein anderer wird, ſei es durch Steigerung desſelben, ſei es durch Abſchwächung, ſo nennen wir dieſen anderen Vocal den Ablaut. Jakob Grimm hat dieſen Namen zuerſt gewählt, und er iſt nach ihm allgemein üblich geworden.
Die Bezeichnung Umlaut rührt zwar nicht von Jakob Grimm her, ſondern ver⸗ muthlich von einem gewiſſen Radlof, nach anderer Anſicht von Klopſtock; aber Grimm hat über dieſe ſprachliche Erſcheinung genauere Forſchungen gemacht. Der Umlaut kommt, wie Jakob Grimm erforſcht hat, im Gothiſchen noch nicht vor, wohl aber im Althochdeut⸗ ſchen. Zur näheren Erklärung dieſer Erſcheinung wollen wir Jakob Grimm's eigene Worte darüber folgen laſſen. Nachdem er vorher angegeben, daß die Vocale in reine und trübe eingetheilt worden, ſagt er weiter:„Zu den reinen(Vocalen) gehört a, o, u, denen die trüben e, ö, ü entſprechen. Zpiſchen beiden ſteht i eigentlich in der Mitte, als keiner Trübung fähig. Die von einem folgenden Vocal bewirkte Trübung (Verdünnung) des Vocals der Wurzel heißt nun Umlaut. Man merke:
a) Macht, den Umlaut zu zeugen, wohnt gerade jenem in der Mitte ſtehenden i oder deſſen Doppelung 1 bei. Späterhin hat das das i vertretende e dieſelbe Kraft. Im Nor⸗ diſchen zieht auch u einen ähnlichen, doch verſchiedenen Umlaut nach ſich. Beide i und u. können in gewiſſen Fällen hinten abgeworfen werden, und ihre Wirkung, der Umlaut, bleibt


