Aufsatz 
Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache
Entstehung
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An der Frankfurt⸗Leipziger Straße gelegen, 3000 Einwohner zählend, im Kinzigthal und an den nahen Vorbergen des Vogelsberges, des Speſſart und des Rhöngebirges, war dieſes Städtchen mit ſeiner freundlichen Lage und ſchönen Natur ſehr geeignet, den jungen, geiſtig regſamen und gemüthvollen Knaben mächtig anzuregen. Es erwachte in ihm die Freude an der Natur, die einen Grundzug ſeines Charakters bildet. Er machte viele Spaziergänge, ſammelte Inſekten, Schmetterlinge, Pflanzen u. dgl., und war namentlich dem Sammeln von Pflanzen ſo ſehr ergeben, daß er damals den Gedanken hatte, Botaniker zu werden. Wohl war Jakob Grimm zum Sammeln, Unterſuchen und Beſtimmen berufen, aber auf ganz anderem Gebiete.

Die Religion, in der er erzogen wurde, war die reformirte. Neben Religion und Na⸗ tur war es aber ganz beſonders noch das Vaterland und insbeſondere ſein engeres Vater⸗ land Heſſen, das ihn mächtig anzog. Das Gefühl des Patriotismus regte ſich ſchon in der Bruſt des Knaben. Leider traf ihn, den Elfjährigen, i. J. 1796 ein harter Schlag. Sein Vater nämlich ſtarb in dieſem Jahre und hinterließ eine trauernde Wittwe mit 8 Kindern in ärmlichen Verhältniſſen. Die Mutter blieb vor der Hand in Steinau wohnen. Aber für Jakob(und ſeinen Bruder Wilhelm) war bald der Zeitpunkt herangenaht, wo er einer höheren Lehranſtalt übergeben werden ſollte, da der Unterricht ſeines oben genannten Steinauer Präceptors nicht mehr ausreichend für ihn war. Er kam mit ſeinem Bruder Wilhelm nach Caſſel in's Lyceum. Eine Schweſter der Mutter, welche Kammerfrau bei der Landgräfin von Heſſen war, hatte dafür geſorgt, daß die beiden Knaben in einem anſtändigen Hauſe gut untergebracht wurden. Das Urtheil Grimm's über das damalige Caſſeler Lyceum iſt kein ſehr günſtiges. Uebrigens zeichnete er ſich durch Fleiß und Fortſchritte vor ſeinen Mitſchülern aus und nahm in der Regel den erſten Platz ein. Auch erhielt er durch die Fürſorge ſeiner Tante noch Privatunterricht im Lateiniſchen und Franzöſiſchen. Seine Mußeſtunden füllte er beſonders mit Zeichnen und mit Lectüre der deutſchen Claſſiker aus, von denen ihn an⸗ fänglich Schiller am meiſten anzog, während er ſpäter mehr zu Göthe ſich hingezogen fühlte.

Im Frühjahr 1802 abſolvirte er das Lyceum und bezog die Univerſität Marburg. Daſelbſt widmete er ſich, weniger aus beſonderer Neigung, als um den Wunſch ſeiner Mutter zu erfüllen, dem Studium der Jurisprudenz. Seine Lebensweiſe auf der Uni⸗ verſität war eine äußerſt eingeſchränkte und dürftige, da ſeine Vermögenshältniſſe, zumal er auch keinerlei Stipendien genoß, es nicht anders zuließen. Gerade aber dieſes von dem gewöhnlichen Studentenleben abweichende hatte für Grimm einestheils den Nutzen, daß er die Zeit, die ſonſt gar oft auf der Univerſität mit unnützen und koſtſpieligen Dingen vergeudet wird, dem Studium widmete, und daß anderntheils ſeine Charakterbildung dadurch weſentlich gefördert ward. Er, der ſich bereits als junger Student von 17 Jahren ſo ziemlich auf ſeine eigenen Füße geſtellt ſah, gelangte ſchon früh zu einer edeln Selbſtän⸗ digkeit und männlichen Geſetztheit. Und auch ſeiner wiſſenſchaftlichen Selbſtändigkeit leiſtete die Univerſität inſofern Vorſchub, als er, wenigſtens in der erſten Zeit ſeines Studiums, keinen Profeſſor fand, dem er ſich recht anſchließen mochte. Er war anfänglich von keinem ſeiner Profeſſoren ſo recht befriedigt. An den damaligen Marburger Studenten dagegen rühmt Grimm einen jugendlich friſchen und unbefangenen Geiſt.

In ſeinem zweiten Studienſemeſter aber lernte er einen jungen Profeſſor kennen, der einen entſcheidenden Einfluß auf die Studien und auf die ganze Geiſtesrichtung Grimm's ausübte. Es war Profeſſor Savigny, der nur um 6 Jahre älter war, als Grimm. Bei ihm hörte er juriſtiſche Vorleſungen, und der Profeſſor gewann ſeinen eifrigen Zuhörer bald ſo lieb, daß zwiſchen