Aufsatz 
Die Entstehung des ersten Buches der Ilias / von Häsecke
Entstehung
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reimtheiten, und zwar von der Art, daß ſie werder durch einen vernünftigen, überzeugenden Er⸗ klärungsverſuch noch durch die gewöhnlichen Mittel einer beſonnen en Kritik beſeitigt werden können. Unter ſolchen Umſtänden wird ſich die Unterſuchung darauf beſchränken müſſen den Nach⸗ weis derjenigen Gründe zu verſuchen, welche das Zuſtandekommen ſolcher Ungereimtheiten begreif⸗ lich erſcheinen laſſen. Wir hatten bereits oben(S. 8) die Vermutung ausgeſprochen, daß die Epi⸗ ſode von der Zurückführung der Chryſeis nicht ganz das geiſtige Eigentum des Verfaſſers zu ſein ſchiene. Ließe ſich dieſe Vermutung durch thatſächliche Momente zur Gewißheit erheben, ſo würde Unſelbſtändigkeit und Mangel an dichteriſcher Kraft als die Urſache aller Verkehrtheiten der Dar⸗ ſtellung erwieſen ſein.

Es iſt zunächſt Thatſache, daß von den 57 Verſen unſerer Erzählung folgende: 430. 434. 435 437. 446. 450 455. 457. 458 471. 473. 475 477. 479. 481483. 485486, alſo im Ganzen 37 Verſe ſich an andern Stellen der Jlias und Odyſſee, ja ſogar der ho⸗ meriſchen Hymnen wiederfinden, daß von den noch übrigen 20 Verſen ein großer Teil einzelne Be⸗ ſtandteile anderswo vorkommender Verſe enthält, und daß endlich nur ſehr wenige Verſe weder ganz noch teilweiſe an andern Stellen wiederkehren, ſondern allein in dem Zuſammenhange unſerer Erzählung ſich vorfinden. Dieſe Thatſache iſt unſeres Erachtens wichtig genug, um genauer unterſucht zu werden, und, wie wir glauben, wohlgeeignet, feſte Anhalts⸗ punkte für eine richtige Beurteilung nicht nur unſerer Erzählung, ſondern überhaupt des ganzen erſten Buches zu gewähren. Aus derſelben folgt zunächſt mit zwingender Notwendigkeit, daß die an mehreren Stellen der homeriſchen Gedichte übereinſtimmend vorkommen⸗ den Verſe nur für den Zuſammenhang einer Stelle zuerſt und urſprünglich gedacht und geſchaffen, an den andern einfach wiederholt reſp. nachgeahmt ſind. Denn abgeſehen von einigen Verſen, welche manihres allgemeineren Inhaltes und ihrer vielſeitigen Verwendbarkeit wegen als formel⸗ haft und demnach als Gemeingut des dichteriſchen Sprachſchatzes betrachten könnte, in deſſen An⸗ wendung allerdings ſelbſt verſchiedene Dichter öfter zufällig zuſammenzutreffen pflegen, ſo ſind doch viele der übereinſtimmenden Verſe von ſo individuellem, auf eine beſtimmte Situation berech⸗ netem Inhalte, daß die Annahme einer zufälligen Uebereinſtimmung derſelben ausgeſchloſſen, viel⸗ mehr die Vorausſetzung einer bewußten und abſichtlichen Entlehnung der einen Stelle aus der gleich⸗ lautenden andern die notwendig gebotene iſt. Mit Rückſicht auf ſolche Verſe erhebt ſich die wichtige Frage: an welcher Stelle ſind dieſelben dasurſprüngliche und zuerſt gedachte Original, an welcher diebewußte Kopie des Urſprünglichen. Die Thatſache der wörtlichen Uebereinſtimmung von Verſen unſerer Erzählung mit andern Stellen der homeriſchen Gedichte berechtigt allein noch nicht zu dem Schluß, daß die betreffenden Verſe in unſerer Erzählung entlehnt, an der gleichlauten⸗ den andern Stelle dagegen urſprünglich ſeien; es wäre ja, wie auch von einigen behauptet worden iſt, möglich, daß der Dichter unſeres Stückes das Vorbild für andere Stellen geweſen iſt. Zur Entſcheidung dieſer Frage iſt bereits von Hoffmann(Philol. 1848) die wohlbegründete Forderung aufgeſtellt worden, daß, wenn man die fraglichen Verſe unſerer Er⸗ zählung als Nachahmung betrachten wollte, dies nur durch den Nachweis wahrſcheinlich gemacht werden könnte, daß einige Wendungen(wie er ſich aus⸗