Aufsatz 
Über die neueren lateinischen Schulgrammatiken
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

der Hoͤrer werde leicht entdecken, in welchem logiſchen Verhältniſſe ſeine Saͤtze zu einander ſtehen. Iſt dieſes weniger der Fall, ſo wird häufig das Verhaͤltniß nur angedeutet. Beiſpiele finden ſich in Menge wie bei Kindern ſo bei ganzen Voͤlkern, die noch im Kindesalter ſtehen. Daher die xagdraki Homers, der darin ſo weit geht, daß er ſelbſt logiſch ſubordinirte Saͤtze durch die Partikel re grammatiſch coordinirt. Daſſelbe zeigt ſich auch in den aͤlteſten Denkmalen der roͤmiſchen Literatur, z. B. in den sepuleris Scipionum. Sehr haͤufig aber iſt die Relation zwiſchen zwei Saͤtzen doppelter Art, d. h. zwei logiſche Verhaͤltniſſe finden zu gleicher Zeit ſtatt, allein der Sprache iſt es nur moͤglich, das eine zu deßrichnen und kann dann bald die eine, bald die andere grammatiſche Form waͤhlen. So liegt in dem Beiſpiel:»Ich kann nicht abkommen, waͤhrend ich Beſuch habe,« außer dem temporalen auch noch ein Cauſalverhaͤltniß, denn es iſt darin nicht nur ausgedruͤckt: ſo lange oder zu derſelben Zeit, als der Beſuch bei mir iſt, ſondern auch: weil Beſuch bei mir iſt, kann ich nicht abkommen. Es haͤngt nun von dem Sprechenden ab, welchem von beiden er den Vorzug geben will, je nachdem das eine oder das andere bei ihm das Uebergewicht hat. So wie nun Einzelne in dem eben angegebenen Fall die Wahl haben, welchem von zwei logiſchen Verhaͤltniſſen ſie die grammatiſche Form geben wollen; ſo haben ſie auch ganze Nationen, da der Denkweiſe jeder Nation eine gemein⸗ ſhufäliche eigenthuͤmliche Auffaſſungsweiſe zu Grunde liegt. Auf dieſe Weiſe onnte bei dem einen Volk die Entſcheidung vorzugsweiſe auf die Seite der einen, bei dem anderen Volk auf die Seite der anderen grammatiſchen Form ſich hin⸗ neigen und gewiſſermaßen ſtereotypiren. G So hat ſich unter andern eine Grundverſchiedenheit des lateiniſchen vom deutſchen Satzbau geſtaltet, indem der Lateiner das Accidentielle feſthielt, waͤh⸗ rend der Deutſche die weſentliche Verhaͤltniſſe, namentlich das Cauſale, hervor⸗ treten laͤßt. Die lateiniſche Sprache hat naͤmlich ein hervorſtechendes Streben nach der Satzverbindung durch Relativa. Der Lateiner kann daher einen Ne⸗ benſatz, der zu ſeiuem Hauptſatz logiſch im Cauſalverhaͤltniß ſteht, ſprachlich durch die Anknuͤpfung vermittelſt des pron. relat. als bloſes Attribut hinſtellen, z. B. eccasse mihi videor, qui a te discesserim. Daſſelbe findet bei Folgen⸗ und inalſaͤtzen, bei conceſſiven, conditionalen ꝛc. Saͤtzen ſtatt, wo durchgaͤngig die deutſche Sprache die logiſche genau durch die grammatiſche Form bezeichnet, waͤh⸗ rend der Lateiner, wenn er den relativen Nebenſatz gebraucht, nur eine Cigen⸗ ſchaft anfuͤhrt. Das Naͤmliche baben wir daher auch in den verkuͤrzten Relativ⸗ ſätzen, deu Participien, in welchen grammatiſch nur der Begriff der Eigenſchaft bezeichnet iſt, nicht aber, ob dieſer im Verhaͤltniß der Urſache, Zeit, oder in welchem anderen er gedacht iſt., Noch mehr: will der Lateiner das logiſche Verhaͤltniß zu groͤßerer Beſtimmt⸗ heit durch Formwoͤrter auch grammatiſch bezeichnen, ſo gebraucht er dazu ſolche, die meiſtens durch ihren Stamm auch ihren Urſprung vom Relativum beurkunden,