Ueber das Verhalten der Krystalle zu den sogenannten Imponderabilien.
Unter der grossen Anzahl unorganischer Naturkörper zeichnen sich bekanntlich viele dadurch aus, dass sie durch ebene Flächen, welche nach gewissen Symmetriegesetzen geordnet sind, begrenzt werden. An ihnen finden wir nämlich mit wenigen Ausnahmen, die weiter unten noch kurz erwähnt werden sollen, dass jeder Fläche, Kante oder Ecke an der einen Seite oder dem einen Ende des Körpers eine ganz gleichwerthige Fläche, Kante oder Ecke an der entgegengesetzten Seite oder dem entgegengesetzten Ende entspreche. Wenn mit Rücksicht hierauf diesen Körpern eine regelmässige Form zugeschrieben wird, so ist ersichtlich, dass dieser Begriff in einem weiteren Sinne gebraucht ist, als demjenigen, welchen die Mathe- matiker damit verbinden, da diese auch noch die Congruenz aller Begrenzungsflächen, sowie die Gleichheit aller Kanten und Ecken verlangen. Man nennt solche Körper Krystalle, und bezeichnet zum Unterschiede von denselben alle übrigen Körper, welchen die erwähnten Eigenschaften fehlen, als amorphe(d. h. gestaltlose) Körper. Während letztere in ihrem inneren Bau, sowie in ihrer äusseren Begrenzung durch die Gleichwerthigkeit einer jeden Richtung, durch den Isotropismus, charakterisirt sind, treten bei ersteren schon im Aeusseren durch die polyédrische Begrenzung, die sich selbst wieder als von den chemischen Eigenschaften derselben bedingt erweist, in ihrer Bedeutung, in ihrem Werthe verschiedene Richtungen auf, und werden sie dann mit Rücksicht auf gewisse physicalische Eigenschaften untersucht, so macht sich auch hier die Verschiedenheit der Richtungen bemerklich, sie sind anisotrop. Um uns diese Eigenthümlichkeit der Krystalle zu erklären, nehmen wir an, dass in ihnen die Molecüle so geordnet seien, dass sie nach verschiedenen Richtungen in ungleichen Abständen von einander liegen, und in Folge dessen auch von ungleich grossen inneren Kräften sollicitirt werden. Damit aber neben dem Anisotropismus doch die Gleich- artigkeit oder Homogenéität des Körpers gewahrt bpleibe, wird dann noch die weitere An- nahme gemacht, dass nach einer jeden einzelnen Richtung die Entfernung und die Kräfte zweier nächst auf einander folgenden Molecüle ungeändert dieselben bleiben, wo übrigens auch jene gelegen sein mögen.
Bei der grossen Anzahl und der mannichfachen Verschiedenheit der in der Natur vor- kommenden Krystallformen machte sich bald die Nothwendigkeit einer Eintheilung derselben in gewisse Abtheilungen bemerklich. Mit Beziehung hierauf sagt Kopp in seiner Krystallo- graphie:„Man stützt sich dabei auf die Art der Ausbildung der Krystallformen im Allge- meinen. Die Untersuchung, wie die verschiedenen Formen nach bestimmten Richtungen hin ausgebildet sind, gibt also einen Anhalispunkt ab zur Eintheilung derselben. Diese Unter- suchung wird noch wichtiger dadurch, dass nur solche einfache Formen mit einander in Combination treten können, welche nach denselben Richtungen in entsprechender Weise aus-


