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168 Erdbeben erwähnt, von denen 74 auf den Zeitraum nach dem vielgenannten Lissaboner Erdbeben von 1755 fallen, sodass man für das mittlere Deutschland durchschnittlich auf 4 Jahre 3 Erdbeben erhält, wenn man die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts massgebend sein lässt. Bei Weitem die häufigsten Erderschütterungen auf deutschem Boden finden in den Alpen und im Rheingebiet statt, von denen die ersteren, soweit es die Schweiz anlangt, durch Volger*) sehr ergebnissreichen Untersuchungen unterzogen worden sind. Es ist hierdurch insofern ein bedeutender Schritt vorwärts geschehen, als die Erdbeben in den alpinen Stossgebieten eine ziemlich befriedigende Erklärung ihrer Ursachen ohne Heran- ziehung plutonisch-vulkanischer Kräfte zulassen. Jedoch sind die von frühern Theorien abweichenden Resultate Volger's in ihrer Verallgemeinerung auf andere Erdbeben noch durchaus nicht als gesichert anzusehen, und werden nur genaue Referate über jede neue derartige Erscheinung allmählich dahin führen, eine Einsicht in die vielleicht sehr ver- schiedenartigen Ursachen der Erdbeben zu gewinnen.
Wenn ich im Folgenden einige Beiträge zur Kenntniss des mitteldeutschen Erdbebens vom 6. März 1872 gebe, so bin ich mir wohl bewusst, dass damit das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, dass sowohl das hier gegebene Beobachtungsmaterial noch lückenhaft ist, als auch in den daran angereihten Erörterungen nicht jede Frage von Interesse ihre genügende Antwort findet. Nichts desto weniger habe ich geglaubt diese Veröffentlichung vornehmen zu müssen, da durch dieselbe die Sache, wenn auch immerhin nur eine kleine Anregung und Förderung erfährt.
Ich kann hierbei nicht umhin, auch allen den Herren, welche meine Arbeit durch Zuschriften, Zusendungen oder andere Bemühungen unterstützt haben, meinen besten Dank auszusprechen. Wenn ich bei einer grossen Anzahl der mir gemachten brieflichen Mit- theilungen die Freude hatte, der Sorgfalt der Beobachter Anerkennung zu zollen, so trugen freilich auch viele Nachrichten, welche die folgende Zusammenstellung enthält, das Gepräge leichtgläubiger unwissenschaftlicher Auffassung. Sie waren aus alsbald entstandenen Ge- rüchten mehr oder weniger entstellt in Zeitungen übergegangen. Eine Scheidung des Wahren von dem offenbar Irrthümlichen wollte ich jedoch wegen der Schwierigkeit die richtige Grenzlinie zu treffen nicht versuchen. Hoffen wir auch in dieser Beziehung von
der Einwirkung von Schulen wie die unsrige auf das grössere Publikum unseres Vater- landes das Beste!
*) Volger, Untersuchungen über das Phänomen der Erdbeben in der Sehweiz. 3 Bde.


