Beiträge zur Kenntniss der Erderschütterung vom 6. März 1872.
Von Leonhard Grebe, zweitem Oberlehrer der Anstalt.
Nichts kann uns Sicherheit geben, dass jene plutonischen Mächte im Laufe kommender Jahrhunderte den von Elie de Beaumont bisher aufgezühlten Bergsystemen verschiedenen Alters und verschiedener Richtung nicht neue hinzufügen werden. Warum sollte die Erdrinde schon die Eigenschaft sich zu falten verloren haben? Die fast zuletzt hervorge- tretenen Gebirgssysteme der Alpen und der Andeskette haben im Montblanc und Monte Rosa, im Sorata, IIlimani und Chimborazo Kolosse gehoben, welche eben nicht auf eine Ab- nahme in der Intensität der unterirdischen Krüfte schliessen lassen. Alle geognostischen Phänomene deuten auf periodische Wechsel von Thätigkeit und Ruhe. Die Ruhe, die wir ge- niessen, ist nur eine scheinbare. Das Erbeben, welches die Oberfläche unter allen Himmelsstrichen, in jeglicher Art des Gesteins erschüttert, das aufsteigende Schweden, die Entstehung neuer Ausbruch-Inseln zeugen eben nicht für ein stilles Erden- leben.
A. V. Humboldt, Kosmos I. pag. 320.
Bei der geringern Häufigkeit, mit welcher in Mitteleuropa Erderschütterungen aufzutreten pflegen, ist es wohl begreiflich, dass der einzelne Fall mit grosser Aufmerk- samkeit beachtet und mit grösserem Interesse verfolgt wird als zum Beispiel in den classischen Erdbebengegenden Südamerikas, wo die unbedeutenden„tremblores“ zu den ge- wöhnlichsten Tagesereignissen zählen. Die Erdbebenstatistik, wie alle statistischen Wissen- schaften noch neu, lässt vermuthen, dass täglich etwa ein Erdbeben irgendwo stattfindet, indem Kluge*) für acht aufeinanderfolgende Jahre 4620 Erdbeben an 2447 Tagen registrirt hat. Für das mittlere Deutschland werden nach Bögner**) vom Jahre 786 bis 1846
3 *) Kluge, Ueber die Ursachen der in den Jahren 1850 bis 1857 stattgefundenen Erdbeben. **) Bögner, Das Erdbeben und seine Erscheinungen. pag. 95.


