Aufsatz 
Geschichte der Realschule während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens / [H. Gräfe]
Entstehung
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iſt, allein in Anwendung kommen ſollte. Seltſam! Jedes Elternpaar will nur das wahre Glück ſeiner Kinder, und manches handelt im geraden Widerſpruch mit ſeinem Zwecke. Nicht im Willen, nur in falſchen Anſichten, zuweilen wohl auch in andern Verhältniſſen liegt die Urſache von Erſchlaffung der Kinderzucht. So nachtheilig Schwäche und daraus entſpringende Nachgiebigkeit iſt, ſo iſt die harte Zucht, die nur äußerliche Zucht⸗, viel⸗ mehr Züchtigungs⸗Mittel kennt, noch gefährlicher; denn ſie zerſtört vollends alle Keime des Guten im Kinde. Das Kind verhärtet ſich im Innern und der natürliche Egoismus, aus welchem alle Sünde quilllt, erſtarkt und wird zu Starrſinn und beharrlichem Widerſtreben, das durch kein äußeres Mittel gebrochen, höchſtens für den Augenblick zurückgedrängt werden kann. Viele Beiſpiele unſerer Schüler beſtätigen dieſe alte Erfahrung. Nur vor der wahren Liebe, die in Gott Nahrung ſucht, ſchmilzt die Rinde, welche ſich etwa, durch Umſtände be⸗ günſtigt, um das Gemüth des Kindes gelegt hat, und der Macht des Guten den Eingang wehrt. Die hin⸗ gebenſte Liebe, die, wo nöthig, wohl zu Strenge, niemals zu Härte ihre Zuflucht nimmt, kann allein auch die Wurzeln des Böſen im Herzen ausreuten.

Ohne Mitwirkung des Hauſes muß die Wirkſamkeit der Schuldisciplin mangelhaft, ja fruchtlos bleiben. Wenn jemals eine Schule, dieſe Wahrheit abläugnend, meinen könnte, ſie vermöchte in Hinſicht der Zucht etwas irgend Nachhaltiges ohne das Haus, ſo triebe ſie entweder Charlatanerie, oder ſie müßte von Engeln geleitet werden. Da wir nicht Charlatane ſein wollen, auch nur ſchwache Sterbliche ſind, ſo werden wir fortfahren, nicht nur durch die monatlichen Cenſuren, ſondern auch außerdem, ſo oft es Noth thut, mündlich und ſchriftlich die Verbindung zwiſchen den Eltern und uns zu erhalten. Wie wir aber bei den Eltern Unterſtützung ſuchen, ſo werden wir ſolche auch ihnen nach unſern Kräften gern gewähren. Der Zuſtimmung aller Verſtändigen und Guten zu unſerm Verfahren halten wir uns verſichert. 0

Zum Schluſſe dieſes Abſchnittes erlaube ich mir noch eine kurze Bemerkung. Die äußere Ordnung einer Schule iſt in vielen Fällen weſentlich durch das Local und deſſen Einrichtung bedingt. In dieſer Beziehung ſind wir ſeit dem Einzuge in das neue Bürgerſchulgebäude eben nicht ſehr begünſtigt worden. Das Local, welches der Anſtalt hier angewieſen worden iſt, läßt zwar in Betreff der Geräumigkeit, Helle und Freund⸗ lichkeit wenig oder nichts zu wünſchen übrig; aber die Einrichtung deſſelben, z. B. die Schließung des Hof⸗ raumes, die vollſtändige Ausſtattung der einzelnen Klaſſen mit den erforderlichen Utenſilien und Einrichtungen ꝛc., hat ſich lange verzögert und wird erſt demnächſt vervollſtändigt werden. Es ſind hieraus vielfache kleine Un⸗ ordnungen entſtanden, welche die Lehrer zu verhindern außer Stande waren, und die nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf den Geiſt der Schüler überhaupt geblieben ſind.

9. Zibliothek. Sammlungen. Geſchenke.

Eine höhere Schule bedarf mannichfaltiger wiſſenſchaftlicher Hülfsmittel zur Nährung des wiſſenſchaft⸗ lichen Sinnes der Lehrenden, wie zur Veranſchaulichung des Unterrichts. Es iſt daher ſeit Gründung der Realſchule angelegentlich darauf Bedacht genommen worden, eine Schulbibliothek und die für die fruchtbare Betreibung des Unterrichts erforderlichen Sammlungen und Apparate zuſammen zu bringen. Die Bedürfniſſe einer Realſchule ſind in beiderlei Hinſicht mannichfaltiger und größer, als die eines Gymnaſiums. Bei dieſem concentriren ſich dieſelben mehr auf einen Punct, während bei jener viele Wiſſenſchaften Anſpruch auf gleich⸗ mäßige Vertretung haben. Daher bedarf es auch größerer Mittel, um dieſen Bedürfniſſen zu genügen. Dieſe Mittel ſind von den ſtädtiſchen Behörden, welche die Forderungen der Zeit nicht verkennen, bereitwillig zu Gebote geſtellt worden, wofür wir ihnen den wärmſten Dank zollen. 6

Eine der ſicherſten Bürgſchaften für die gedeihliche Entwickelung und Wirkſamkeit einer höhern Schule iſt der wiſſenſchaftliche Geiſt ihres Lehrercollegiums. Der höhere oder tiefere Stand dieſes Geiſtes iſt der beſte Barometer für den Stand der Schule und ihrer Wirkſamkeit, nicht nur in wiſſenſchaftlicher und unterrichtlicher,