Aufsatz 
Geschichte der Realschule während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens / [H. Gräfe]
Entstehung
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I. Geſchichte der Realſchule während der erſten zwei Jahre ihres Beſtehens.

Vorbemerkung.

Die Realſchule iſt an das Ende des zweiten Jahres ihres Beſtehens gelangt. Da zu Oſtern 1843 wegen Mangels eines geeigneten Locales keine öffentliche, ſondern nur eine Privat⸗Prüfung im Beiſein der Schulbehörden, der ſtädtiſchen Behörden und der Lehrer gehalten werden konnte, ſo fehlte damals eine paſſende Veranlaſſung, in einem Programm eine zuſammenhängendere Nachricht von der Einrichtung, Verfaſſung, Entwickelung und dem Beſtande der Realſchule zu geben, und dadurch die Berichte und Mittheilungen zu vervollſtändigen, welche uͤber einzelne Verhältniſſe ſchon vorher der Schulbehörde erſtattet worden oder in's Publicum gekommen waren. Die früher fehlende Veranlaſſung iſt jetzt durch die bevorſtehende öffentliche Prüfung gegeben, und es wird gewiß den Wünſchen Aller, welche aus irgend einem Grunde der jungen Anſtalt Theilnahme zuwenden, entſprechen, wenn die Einladung zur Theilnahme an der zu veran⸗ ſtaltenden öffentlichen Pruͤfung und die Mittheilung des Lehrplanes für das bevorſtehende neue Schuljahr durch die Er⸗ zählung, wie die Realſchule entſtand, ſich fortbildete und gegenwärtig beſchaffen iſt, eingeleitet wird. Dergleichen für die Oeffentlichkeit beſtimmte Berichte von öffentlichen Unterrichtsanſtalten pflegen freilich nicht ſelten mit Mißtrauen geleſen zu werden, weil man meint, es werde darin, wenn auch nicht gerade Unwahres geſagt, doch die Wahrheit nicht ſenten verſchwiegen oder bemantelt, damit das von der Schule entworfene Bild durch keinen Flecken verunſtaltet erſcheine. Dieſes Mißtrauen iſt im Allgemeinen auch nichts weniger als ungegründet. Viele Schulvorſteher machen es in ihren Berichten an die Behörden und an das Publicum wie manche Maler. Sie ſchmeicheln auf Koſten der Wahrheit, und entwerfen von ihrer Anſtalt ein Bild, das vielleicht im Allgemeinen nicht gerade untreu genannt werden kann, das aber doch dieſelbe nur darſtellt, wie ſie ſein koͤnnte und ſollte, nicht wie ſie iſt. Leider iſt in oͤffentlichen und Privat⸗Schulen noch zu viel abſichtliche und unabſichtliche Charlatanerie zu Hauſe, die freilich häufig ſogar von den Eltern gepflegt und begünſtigt wird. Wir werden uns jedoch von ſolcher Charlatanerie fern halten, weil ſie für alle Theile unwürdig iſt. Im gewöhnlichen Hauskleide werden freilich auch wir nicht vor die Oeffentlichkeit treten. Dies wird uns aber ſicher nicht zum Vorwurfe gereichen. Jeder Gebildete erſcheint ja in größerer Geſellſchaft nur in anſtändiger Tracht, und es iſt natürlich, daß jedes Lebensverhältniß in einer ſchrift⸗ lichen Darſtellung unwillkührlich in etwas idealerem Lichte ſich darſtellt, als in der Wirklichkeit des Lebens, wo ver⸗ ſchiedenartige Verhältniſſe eine reiche Quelle von Unvollkommenheiten bilden. Dabei werden wir aber aus der Ein⸗ fachheit und Wahrheit nicht heraustreten, allen ſchimmernden und das Auge Anderer nur blendenden Putz und Flitterſtaat verſchmähen und weder Schminke noch Schönpfläſterchen auflegen, um gewiſſe Mängel und Flecken zu bedecken. Ob dies klug gehandelt iſt, weiß ich nicht; bezweifeln läßt es ſich allerdings. Wie das Angenehme zu aller Zeit mehr Freunde gefunden hat, als das Wahre, und genug Eltern ſelbſt auf Koſten nicht nur der Wahrheit, ſondern ſogar des Glückes ihrer Kinder dieſe nur gelobt wiſſen wollen, ſo giebt es auch ganze Städte, in welchen es hergebracht iſt, daß alle Ver⸗ hältniſſe nur im Scheineroſigen Lichtes an die Oeffentlichkeit treten, und wo ſich Niemand, der falſchen Beurtheilungen entgehen will, der Klugheit entſchlagen kann, das Publicum auf feine Weiſe zu täuſchen. Ob Kaſſel unter dieſe Städte zu zählen ſei, weiß ich zwar noch nicht mit Sicherheit anzugeben, ich habe aber gute Gründe zu glauben, daß die einfache Stimme der Wahrheit, auch wenn ſie Mängel, Irrthümer und Mißgriffe berichten muß, lieber gehört und freundlicher aufgenommen werden wird, als die ſchmuckreiche Rede, die darauf ausgeht, zu blenden, zu beſtechen, zu gewinnen. Wie dem aber auch ſei, keine Zeit hat je ſo dringend, als die gegenwaͤrtige gemahnt, die bloße Welt⸗ klugheit zu beſeitigen und in allen Verhältniſſen Wahrheit walten zu laſſen.

So viel ſchien mir nothwendig zu ſagen, damit fuͤr die folgende Darſtellung der richtige Geſichtspunkt deſto leichter gewonnen werden könne. Dieſelbe ſchließt ſich übrigens dem vor zwei Jahren bekannt gemachten Programm zur Eröffnung der Realſchule an.

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