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II. Aber die Veranlagung des Geſchichtsunterrichts auf der unteren Stufe.
Die zu Ende obiger Ausführungen aufgeſtellte Erklärung über das Ziel des Geſchichtsunterrichts muß auch maßgebend und leitend ſein bei der Feſtſtellung des Verhältniſſes der beiden Stufen des Geſchichtsunterrichts zu einander, und bei der Veranlagung des Unterrichts auf der unteren Stufe muß man im Auge behalten, was die obere Stufe ſchließlich leiſten ſoll.
Eine allgemeine Bemerkung möge vorausgeſchickt werden: die Beſchränkung der unteren Stufe auf 3 Jahrgänge und die Abtrennung der Sagengeſchichte, die nun mit dem deutſchen Unterricht konfundiert iſt, ſtellt ſich mehr und mehr als ein entſchiedener Mißgriff heraus. Die Verteilung, wie ſie früher auf einigen Gymnaſien vorhanden war, hatte entſchieden den Vorzug: Sexta griechiſche und römiſche Sagengeſchichte 2 Stunden; Quinta griechiſche Geſchichte 2 Stunden; Quarta römiſche Geſchichte 2 Stunden. Auf dieſe Weiſe wurde der ganze Gedankenkreis, der dem Gymnaſium eigen iſt, von vorne⸗ herein dem Schüler nahe gebracht, und man hatte nicht nötig, in den mittleren und oberen Klaſſen über Unbekanntſchaft mit den Perſonen und Ereigniſſen der griechiſchen und römiſchen Sage und Geſchichte zu klagen. Der deutſche Unterricht aber würde entlaſtet und könnte ſich mehr den ihm ganz eigen⸗ tümlichen Aufgaben zuwenden, insbeſondere wenn die Leſebücher wie Paldamus von den oft wenig geeigneten Stücken ſagengeſchichtlichen und geſchichtlichen Inhalts zu gunſten anderer Stoffe befreit würden, dadurch daß man für den ſagengeſchichtlichen und geſchichtlichen Unterricht gute Geſchichts⸗ leſebücher einführt. Doch wir geben uns keiner Täuſchung hin: die Wiedergewinnung der beiden Stunden in Sexta und Quinta bleibt vorläufig ein frommer Wunſch, und wir müſſen uns bei den folgenden Betrachtungen ſchon entſchließen, die jetzige Ordnung des Unterrichts anzuerkennen.
Wie hängt es wohl zuſammen, daß aus dem Unterricht in der Quarta und den beiden Tertien ſpäter in den Sekunden und Primen ſo entſetzlich wenig zu verſpüren iſt? Und doch iſt die jetzige Veranlagung ſo eingerichtet, daß die zwei Stufen als konzentriſche Kreiſe zu denken ſind, ſo daß auf der unteren Stufe die Betrachtungs⸗ und Anſchauungsweiſe der oberen ſchon angebahnt wird, und daß man auf der oberen Stufe mit einer ganz beſtimmten Summe von Kenntniſſen zu rechnen genötigt iſt.
Gerade in dieſer Veranlagung, glaube ich, liegt der Fehler. Der Pragmatismus, der die Darſtellung der oberen Stufe beherrſcht, wird viel zu viel auf die untere Stufe übertragen, und auch hier begeht man den Fehler, daß man vergißt, wen man zu unterrichten hat, welches die Fähigkeiten und Neigungen unſerer Jugend von 11—14 Jahren ſind! Nicht innere Entwickelungen eines Volkes und die oft tiefliegenden Zuſammenhänge ſeiner Lebensäußerungen intereſſieren die Jugend dieſes Alters, ſondern Männer, Helden und Thaten; alſo um weeltgeſchichtlich bedeutende Perſonen und Ereigniſſe ſoll ſich der Unterricht der 3 Jahre gruppieren, wobei dann in den beiden Tertien die Rückſicht auf die deutſche Geſchichte die einzige Richtſchnur für die Auswahl zu bilden hat. Hier iſt die Zeit, wo ein feuriger Patriotismus in der Jugend erweckt werden muß, der nichts Höheres kennt als das Vaterland und ſeine Helden. Wenn wir uns denken, daß der Geſchichtsunterricht in der Ober⸗Tertia gegen Jahresſchluß die Freiheitskriege und die Heldenthaten des deutſch⸗franzöſiſchen Krieges bietet, und daneben der deutſche Unterricht die herrliche Poeſie dieſer Zeit vorführt, und beide einen gemeinſamen Mittelpunkt in dem ewig jungen Vorbild der Jugend in Theodor Körner finden, dann müſſen es weihevolle Stunden ſein, die Lehrer und Schüler verleben, und um den Patriotismus braucht es uns wohl nicht bange zu ſein.


