Aufsatz 
Zur Erinnerung an Dr. Hermann Baerwald, Direktor der Realschule der israel. Gemeinde (Philanthropin) 1868-1899
Entstehung
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Ja, das ganze Leben dieses Mannes war gegründet auf eine tiefe und ernste Weltauffassung; es war geleitet von einem hohen, selten entwickelten Pflichtgefühl, und es bestand aus unausgesetzter, rastloser Arbeit an sich selbst und für andere.

Und noch vor wenigen Wochen, als ihn die schwere Krankheit schon an das Lager fesselte, da wollte er in nächtlichen Fieberträumen sich zur Arbeit erheben; die in ihm lebende, nie versiegende Schaffensfreude schien sich auf- zubäumen gegen den nahenden Tod, der ihm die Feder schon aus der Hand gerissen und seinen Geist zu umnachten drohte.

Er hatte ein glückliches Greisenalter. Von Generationen geachtet und geehrt, in steter geistiger Fortbildung begriffen und ständig wirkend, hatte er sich ein Heim geschaffen, behaglich, anspruchslos und freudvoll, wie es schöner und glücklicher nicht zu denken ist. Er stand als geistiger und seelischer Mittelpunkt im Kreise der Seinen, die in rührender Anhaânglichkeit und Verehrung zu ihm aufschauten. Er hatte das grosse und besondere Glück, sich noch freuen zu können an der Lebensfreude, an der Lebensstellung und an dem reichen Lebensglücke seiner Kinder.

Er gehörte zu jenen glücklichen Menschen, die angesichts des Todes mit dem Dichter sagen können:Eines jeden Tages habe ich mich gefreut; an jedem Tage habe ich mit rascher Wirkung meine Pflicht getan, wie mein Gewissen sie mir zeigte. Nun endigt sich das Leben. Ich höre auf zu leben, aber ich habe gelebt.

Er hörte auf zu leben, aber er hat gelebt!

Und dass er gelebt hat und wie er gelebt hat und wie er gewirkt hat, das prägt sich aus in köstlicher, nicht verblassender Erinnerung, die uns das verklärte Bild des Heimgegangenen lebendig halten wird auf lange Zeit hinaus!

Wir aber, die Brüder der Logezur aufgehenden Morgenrôte, die wir ihn bei mancher festlichen Gelegenheit begrüsst und durch Zuruf zu erfreuen suchten, wir können ihm jetzt nur noch das letzte Liebeszeichen weihen, das wir zu ver- geben haben: die Rosen.

So weihe ich ihm denn die erste weisse Rose und gedenke der Liebe, der reichen, tiefempfundenen Liebe, die er von sich ausströmen liess, die er bewies und die er gewann, im engen Kreise der Seinen und im weiten Kreise der Freunde!

Und ich gedenke ferner der Treue. Auf fester, unerschütterlicher Treue war das Sein dieses Mannes gegründet. Er hielt Treue sich selbst und dem Bunde, sich selbst und allen seinen, in ernster Lebensführung erworbenen Grundsätzen. Der Treue weihe ich die zweite weisse Rose!

Und ich gedenke schliesslich der Arbeit! Der Arbeit, die ihm Lebenszweck und Lebenszie] war und die sein Leben erfüllte; der Arbeit, die unserem Wollen Dauer giebt und Beständigkeit! Der Arbeit gedenke ich und weihe ihm, zugleich zum Zeichen unseres Dankes und dauernder Erinnerung, die letzte Rose, die Rose in der lebendigsten Farbe der Natur, die rote Rose!