Aufsatz 
Zur Erinnerung an Dr. Hermann Baerwald, Direktor der Realschule der israel. Gemeinde (Philanthropin) 1868-1899
Entstehung
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Quelle dieses Segens geworden und hat zu ihrem Ruhm und der Anerkennung, die sie bereits genoss, neue Reiser gefügt.

Alle die Massnahmen und Anordnungen, die Baerwald geschaffen, an dieser Stelle auch nur kurz anzuführen, ist unmõglich; es sei mir indes gestattet, einige der bedeutsamsten Schöpfungen des neuen Leiters zu erwähnen. Zunächst unterzog er den gesamten Lehrplan des Philanthropins einer durchgreitenden Aenderung und brachte das Ziel der Anstalt in Uebereinstimmung mit den Forderungen der preus- sischen Unterrichtsverwaltung. Diese Arbeit, so mühevoll sie an und für sich war, wurde dadurch erschwert, dass die Schule auf bestimmten Grundlagen errichtet war, die sie allezeit in Treue gepflegt hatte. Diese Grundlagen mussten schon aus Gründen der Pietät und um das Interesse der Gemeindemitglieder an der Institution gleich rege zu erhalten peinlichst gewahrt werden, auch wenn sie im Laufe der Zeit ihre Bedeutung für die Schule eingebüsst hatten. Nicht geringere Schwierigkeit bot die notwendige Umgestaltung des Lehrkörpers; an Stelle des bisherigen Systems der Fachlehrer, die zumeist autodidaktisch vorgebildet waren und die Kunst des Unterrichtens sich erst in der Praxis, in der Tatigkeit an der Schule angeeignet hatten, musste ein Lehrkörper treten, der aus einheitlich vorgebildeten Persönlichkeiten bestand und in dem jeder einzelne sich als Glied, das dem Ganzen sich einzufügen und unterzuordnen hat, fühlte. Das Vorbild des Direktors, dessen Massnahmen jederzeit nur von dem einen Gesichtspunkte der Förderung der Schule diktiert waren, schweisste allmâhlich die oft disparaten Elemente zu- sammen, und so führten auch diese seine Bemühungen schliesslich zu dem er- wünschten Ziele. Eine grosse Förderung fand er hierbei in seinem unausgesetzten Streben, auch die äussere Lage der Lehrer zu bessern, anstelle des ungewissen, oft von der Willkür der jeweiligen Mitglieder der Schul- und Gemeindeverwaltung abhängigen Einkünfte festgeregelte Normen für die Gehälter zu schaffen: Er hatte die Freude, auch hier nach langem Bemühen einen vollen Erfolg zu erzielen, und dankbar haben die Lehrer das tatkräftige Vorgehen ihres Vorgesetzten zu würdigen gewusst. Die schönste Anerkennung für all' seine Tatigkeit brachte dem eifrig wirkenden Leiter das ungewöhnliche Wachstum der Anstalt, die ein Jahrzehnt nach seinem Amtsantritt die höchste Ziffer seit ihrem Bestehen mit 489 Schülern und 385 Schülerinnen aufwies und die Gemeinde zur Erweiterung der Räumlich- keiten nõtigte. Blieb auch diese Zahl durch die gerade damals rascher folgende Gründung mehrerer städtischer höherer Lehranstalten und durch die unglückliche örtliche Lage des Philanthropins nicht auf dieser Höhe: Der Eifer und die Für- sorge des Direktors war von allen Wandlungen unberührt, und ein bewunderndes Staunen über das Mass der Arbeitskraft Baerwalds erfasst uns, wenn wir den unermüdlichen Mann daneben noch mit der Abfassung wertvoller pädagogischer Aufsätze beschaftigt finden, an hervorragender Stelle in zahlreichen Institutionen zum Wohle unserer Glaubensgemeinschaft, wie der Alliance israelite universelle, dem Comité für die osteuropäischen Juden, den Gesellschaften für die Wissenschaft des Judentums, zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmaler u. a. tätig sehen, wenn wir vor allem sein ausgebreitetes humanitäres Wirken überschauen. Seine vor-