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und Religionsschule fand, gestaltete sich zu geradezu vollendetem Glück, als er einen eigenen Hausstand begründen konnte. In dem feinsinnig-behaglichen Heim trafen sich neben Kollegen zahlreiche Freunde zu geistig angeregtem Verkehr; zu ihnen gehôrte u. a. Ed. Lasker, den die gleiche Begeisterung für ein einiges deutsches Vaterland und die gleichen Ideen über die Grundlagen des Rechts und der Freiheit, auf denen es errichtet werden müsse, mit Baerwald verbanden. Bei einer dieser Zusammenkünfte im Mai 1867 wurde, wie uns Baerwald in der Geschichte des Philanthropins anschaulich schildert, der schmerzvolle Verlust be- sprochen, der das moderne Judentum und insbesondere unsere Anstalt durch das frühe Hinscheiden Sigismund Sterns betroffen, und die Frage der Nachfolge in der Leitung des Philanthropins erörtert. Lasker vertrat die Meinung, dass Baerwald fuür diese Stellung die geeignetste Persönlichkeit sei, und übernahm es, die Ange- legenheit an zustandiger Stelle anzuregen. In einem warmen Schreiben schilderte der hervorragende Parlamentarier— durch Vermittlung Berthold Auerbachs— dem Schulrat die wissenschaftliche Bedeutung und den trefflichen Charakter seines Freundes; der Brief hatte zunächst die Wirkung, dass der Schulrat seinen bis- herigen Präâsidenten Jos. Rütten, der gerade eine Reise nach Berlin unternahm, beauftragte, mit Baerwald in persönliche Verbindung zu treten. Die damals ge- schlossene Bekanntschaft gestaltete sich bald zu einem innigen Freundesbunde zwischen den beiden gleichgestimmten Männern, der durch ein Jahrzehnt, bis zum Hinscheiden des um unsere Schule hochverdienten Mannes, sie eng an einander kettete. Nachdem dann Baerwald in der Weihnachtszeit 1867 noch hier zu persön- licher Vorstellung erschienen und Einblick in die Verhaltnisse der Schule ge- nommen, kamen im Mai 1868 die Wahlverhandlungen zum Abschluss. Der staat- lichen Bestätigung hatte ein colloquium vor dem Berliner Provinzialschulkollegium vorzugehen; gegen Ende desselben legte ihm, so berichtet Baerwald, der Ober- prasident von Jagow die Schwierigkeiten dar, die er als preussischer Direktor in der alten, erst vor kurzem in den preussischen Staatsverband aufgenommenen Reichsstadt finden würde, und richtete an ihn die Frage, wie er diesen Schwierig- keiten begegnen, was er zur Erlangung des unerlâsslichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer, zur Behauptung seiner Autorität tun würde? „Primum incipere a se ipso“—„Zuerst bei mir selbst anfangen!“„Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe meine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Empfangens. Mich erfüllt jede Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkollegium als solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich mich verbinden, allen aber mõchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. lch bin entschlossen, mit aller Kraft und mit Einsetzung meiner ganzen Per- sönlickeit der Schule zu dienen. So hoffe ich, nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden!“ Wo solch ernster Wille, solche Selbstzucht und solche Be geisterung herrschen, da muss bald reicher Segen der Arbeit Lohn sein, und so ist die mehr als 30 jährige Taâtigkeit Baerwalds für die Schule eine fortdauernde


