Aufsatz 
Zur Erinnerung an Dr. Hermann Baerwald, Direktor der Realschule der israel. Gemeinde (Philanthropin) 1868-1899
Entstehung
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wie charakterfesten Mann, hat Hermann Baerwald sein ganzes Leben auch den beiden Breslauer Lehrern, die ihn in das Studium der Geschichte eingeführt, den Professoren Gust. Ad. Stenzel und Richard Roepell seine dankbare Gesinnung bewahrt. Aber auch auf diese Manner übte das ernste Streben des tüchtigen jungen Mannes grossen Eindruck und gewann ihm ihre geradezu vaâterliche Fürsorge. Als der engherzige Minister Raumer, der Vater der Regulative, Baer wald die Ablegung des Probejahres trotz vorzüglich abgelegter Prüfung versagte, weil ein jüdischer Lehrer die Gesinnung der Kinder schädlich beeinflussen könnte, gab der wackere Fickert in Wort und Schrift beim Minister und bei Abgeordneten seiner Entrüstung über diese ungeheuerliche Beschuldigung Ausdruck, freilich ohne bei den traurigen politischen Verhältnissen, wie sie in den fünfziger Jahren in Preussen herrschten, einen Erfolg zu erzielen; Prof. Stenzel wieder zog den jungen Studenten zu dem erlesenen Kreise heran, den er aus älteren Schülern sich in dem historischen Seminar geschaffen, und veranlasste Baerwald, schon nach zweijährigem Studium die Bearbeitung der Preisaufgabe zu übernehmen, die damals von der philosophischen Fakultät über die Wahl Rudolfs von Habsburg gestellt war. Berechtigter Stolz konnte des jungen Studenten Herz erfüllen, als bei der feierlichen Preisverkündung seine Arbeit als die beste Lösung bezeichnet und mit dem Preise bedacht wurde. Richard Roepell schliesslich, der zweite Geschichtslehrer, hat noch im hohen Alter Studenten, die mit Baerwald irgendwie Beziehungen hatten, auf diesen seinen trefflichen früheren Schüler hingewiesen; mit Freuden erklärte er sich bereit, als Baerwald ihn gelegentlich seiner Bewerbung um das Direktorat des Philanthropins um einige empfehlende Zeilen bat, die Bewerbung des lieben Schülers nach- drücklichst zu unterstützen. Sein Schreiben ist ein ehrendes Zeugnis für den edlen Sinn des Lehrers wie für die Achtung und Liebe, die sich der Student bei den Lehrern zu erwerben verstanden hat.

Zu seiner weiteren Ausbildung und zum Abschluss seiner Studien suchte Baerwald 1853 die Universität Berlin auf. Dort lehrte ja damals der hervorragendste Meister der historischen Wissenschaft, Leopold Ranke. Auch Ranke würdigte bald die Befähigung und das ernste Streben Baerwalds; gern gewährte er ihm den Zu- tritt zu den von ihm geleiteten historischen Uebungen und suchte ihn auch sonst möglichst zu fördern. Seine dankbare Gesinnung auch gegen diesen Lehrer hat Baerwald beim Ableben Rankes in einer warmherzig geschriebenen längeren Dar- legung der Bedeutung des berühmten Historikers bekundet.

Nach zweijährigem Aufenthalt in Berlin beschloss Baerwald seine Studien mit der Promotion zum Doctor der Philosophie und im darauffolgenden Jahre mit der Prüfung für das höhere Lehramt. Da es ihm, wie bereits erwähnt, unmöglich gemacht war, nunmehr den Lehrberuf zu ergreifen, fasste er den Entschluss, die historischen Studien über das Zeitalter Rudolfs von Habsburg, die er mit so grossem Erfolg in Breslau begonnen, in dem Kaiserlichen Haus- und Staatsarchiv und in der Hofbibliothek zu Wien fortzusetzen. In angeregtem Verkehr mit einer Reihe junger Gelehrten, die damals in Wien lebten und sich spâter einen hervor- ragenden Namen als Geschichtsforscher erwarben, wie Ottokar Lorenz und Karl