— 6—
In solchen Verhaltnissen ist auch Hermann Baerwalds Kindheit und Jugend verlaufen. Sein Vater, der Kaufmann Levin Baerwald in dem kleinen posenschen Städtchen Nakel, war der Typus des eben geschilderten deutschen Juden, im geschaäftlichen und gemeinnützigen Wirken ein Vorbild seiner Gemeinde, hoch- geschäâtzt bei allen Einwohnern der Stadt, bei Behörden des Kreises und der Provinz. Baerwalds Mutter hat sich die Regsamkeit, das lebendige Interesse für alle geistigen Bestrebungen bis in ihr hohes Alter bewahrt— mit verehrungsvoller Bewunderung habe ich selbst, der ich das Glück hatte, sie in ihrem eigenen Heim kennen zu lernen, die geradezu erstaunliche geistige Höhe der hochbetagten Greisin wahrgenommen!
Der Erziehung der zahlreichen Kinderschar widmeten die Eltern die grösste Sorgfalt und opferten willig Geld und Gut, wenn die Förderung der Kinder ausser- gewöhnliche Ausgaben notwendig machte. Durch rührende Dankbarkeit vergalten die Kinder, an ihrer Spitze unser Hermann, diese Aufopferung; allwöchentlich zum Sabbattage erstattet er in der Ferne von seinem und spater der Seinigen Ergehen, seinen Leistungen, seinen Hoffnungen den Eltern regelmäâssigen, ausführlichen Bericht; der Tag seiner Einführung als Leiter des Philanthropins wird für ihn, wie er aus- drücklich in den Schulnachrichten hervorhebt, erst zum Festtag durch die Anwesen- heit des greisen Vaters, und wenn irgend möxglich, erscheint er nach dem Tode des Vaters mit seiner Familie zum Passahfest im Hause der Mutter, um dort nach altjüdischem Brauch an Stelle des Vaters den Sederabend abzuhalten.— Der auf- geweckte und reichbegabte Knabe wird zunächst in der jüdischen Privatschule in die Elemente des Wissens, daneben vom Vater in das jüdische Schrifttum eingeführt, bald hat er das Ziel der Schule erreicht, und der Vater sendet ihn auf das Konitzer Gymnasium, wo er indes nur kurze Zeit bleibt, da seinem geistigen Streben dort nicht Genüge geschieht. In dem Candidaten der evangelischen Theologie Richter findet er aber in Konitz einen trefflichen Privatlehrer; Richter führt ihn in die klassischen Sprachen und die Mathematik ein und lässt sich schliesslich bereit finden, den Knaben im Elternhaus weiterzubilden. Neben der allgemeinen Bildung wird auch die religiöse nicht vernachlässigt, der Vater und talmudkundige Gemeinde- mitglieder sind auf diesem Gebiet seine Lehrer. In eifriger geistiger Arbeit reift so der Knabe zum Jüngling heran und verläâsst mit 18 Jahren das Elternhaus, um auf dem Gymnasium zu St. Elisabeth in Breslau seine Vorbildung abzuschliessen. In drei Jahren durcheilt er die 6 oberen Stufen der Anstalt und erlangt 1850 mit Auszeichnung das Zeugnis der Reife. Die grossen politischen Bewegungen, die er in den letzten Jahren seines Breslauer Aufenthaltes an sich hat vorüberziehen sehen sowie eine besondere Neigung für das Lehrfach, in dem sich schon der Breslauer Gymnasiast reichlich betätigt, schon um seine Eltern möglichst zu entlasten, weisen ihn auf das Studium der geschichtlichen Entwicklung des Vaterlandes und auf das philologische Gebiet hin, das er sogleich mit regem Eifer und dem sittlichen Ernst beginnt, der der hervorstechende Grundzug seines ganzen Wesens von Kindheit an war und bis zu seinem Lebensende geblieben ist.
Wie dem Direktor des Elisabetans, Prof. Fickert, einem ebenso gelehrten


