‚Rodolphe Töpfer, sein Leben und seine Werke.
Die schönwissenschaftliche Litteratur der romanischen Schweiz, die bisher Frankreich gegenüber eine gewisse Selbständigkeit behauptet ‚hat, ist bei.uns in Deutschland sehr wenig bekannt, obwohl sie manches wertvolle Erzeugnis aufzuweisen hat. Die französischen Litteratur- geschichten, auf die wir in Ermangelung einer ausreichenden Übersicht‘des Gebiets bisher") im wesentlichen angewiesen waren, nehmen meist nur auf diejenigen schweizerischen Schrift- steller Bezug, die zugleich auch Frankreich angehören; von den übrigen ist fast nur Rödolphe Töpffer in weitere Kreise gedrungen, in mehrere" Sprachen übersetzt, in Frankreich noch heute ein beliebter Schriftsteller und hat sich auch auf deutschem Boden zahlreiche Freunde erworben, seitdem er vor mehr als 50 Jahren durch: ‚Übersetzung. der Genfer Novellen(Aarau 1839) bei uns eingeführt ist."Trotzdem besaßen‘wir über sein Leben und seine Werke bisher eigentlich nur eine kurze, zwar. sehr anziehend- geschriebene, jedoch auf älteren und deshalb unvollständigen Quellen beruhende Studie Robert Königs in'einer früheren Bielefelder Ausgabe der Nouvelles genevoises. Da nun‘ das fortgesetzte Erscheinen von Schul- ausgaben und Übersetzungen einzelner Töpfferscher- Werke die Fortdauer seiner Beliebtheit in deutschen Schulen und Häusern bezeugt, ein volles Verständnis gerade dieses Schriftstellers aber durch eine genauere Kenntnis seiner Persönlichkeit bedingt ist, so dürfte der Versuch einer kurzen, übersichtlichen Zusammenfassung des über Töpffer veröffentlichten Materials gerechtfertigt erscheinen.. Obwohl es den Anschein haben könnte, als. hätten. die sorgfältigen, auf umfassenden Quellenstudien und Verwertung des umfänglichen ungedruckten Briefwechsels beruhenden Arbeiten Blondels und Relaves den Stoff erschöpft, so ‚hofft der Verfasser doch mit seiner Studie dem Andenken Töpffers einen bescheidenen Dienst geleistet zu haben, da- durch, dafs er einzelnes Neue beibringt, einiges richtig stellt"und— was ihm die Hauptsache „Ist— eine etwas eingehendere Kenntnis des liebenswürdigen, talentvöllen Schriftstellers jenseits “der Grenzen seines Heimatlandes einem größeren Kreise seiner Verehrer vermittelt.?)
Rodolphe Töpfer wurde am 31. Januar 1799. zu Genf geboren, in.einem bisher noch nicht ermittelten Hause der Rue Saint-Löger, welche die Place du Bourg-
1) Neuerdings ist diesem Mangel in dankenswerter Weise durch das Erscheinen zweier Werke abgeholfen, denen weitere Verbreitung in Deutschland zu wünschen ist: Rossel,"Virgile, Histoire littöraire‘de la Suisse romande des origines& nos jours. gr. in— 8°, Bäle, T. I. 1889. XII, 532 p.; T: II: 1891. 637 p., mehr wissenschaftlichen Charakters. — Godet, Philippe, Histoire litt6raire de la Suisse francaise des‘origines- A nos= ei; em Br: in— 8°, IX, 569 p.-Neuchätel, 1890, Auch für einen größeren Leserkreis geeignet. ‚
2) Benutzt wurden neben den im folgenden besprochenen ‚Schriften Töpffers hauptsächlich: Blondel, A. et Mirabaud, P.,-Töpffer,; l’&erivain, Vartiste et’homme, gr. in— 8°-illustre de 25 photogravures et suivi d’une Bibliographie complete, Paris 1886— Relave, Yabbe,-La vie et les auyres de T; in—12, Paris 1886—


