Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

Eine Regung kindlicher Pietät erwacht in Oreſt, die erſt durch des Pylades Hiuweis auf den rauhen Befehl Apollos erſtickt wird. Nach kurzer Rede und Gegenrede, in der Klytämneſtra den Mord des Gatten von ſich abwälzt und dem Schickſal zuſchreibt, fällt ſie, ohne auch nur einen Augenblick ein Gefühl der Reue über ihre Blutthat empfunden zu haben, in der Erkenntnis, daß ihr Traum nun Wirklichkeit geworden mit den Worten v. 928 Dich, Schlange, weh', hab' ich geboren und geſäugt.

Klytämneſtra bei Sophoeles.

Mit der furchtharen That des Oreſt war die äſchyleiſche Schickſalstragödie noch nicht beendigt.

Wenn auch der Muttermord auf Apolls Geheiß geſchehen war, die That war zu entſetzlich, um in den Herzen des Publikums ein Gefühl der Befriedigung wachzurufen über die Strafe, die über die Gatten⸗ mörderin und Ehebrecherin gekommen war: ſie verlangte eine Sühne der durch den Sohn verletzten göttlichen und weltlichen Ordnung und lonnte nur wieder nach des Dichters ſittlicher Weltanſchanung eine Quelle neuen Leidens ſein, das über den unglücklichen Atridenſproſſen von den ihr Opfer heiſchenden Erinyen gebracht wurde. Die Eumeniden, das dritte Stück, brachte die Löſung. Obwohl der friedlos von den Furien verfolgte Oreſtes alle Qualen der Seele leidet, tritt er doch im Verlauf des Stücks immer mehr in den Hintergrund, während die göttlichen Parteien, die Götter des Lichts, Athene und Apollo, auf der einen Seite, die dunklen Erinyen, die als reine Naturgewalten uuf ſittlichem Gebiet nur den rohen Satz der WiedervergeltungAuge um Aug', Zahn um Zahn Choeph. 312 kannten, auf der anderen Seite mit ihren an ſich berechtigten Anſprüchen auf die Seele des Angeklagten hervortraten und dadurch den Streit, der ſeither in ſeinem Innern getobt, nun zu einem Streit um ihn erhoben. Die Entſcheidung des Conflicts wird nicht den Göͤttern anheimgeſtellt ſondern durch Athene dem Gerichtshof des Areopag in Athen überwieſen. Oreſt wird von ihm freigeſprochen und verläßt, geläutert und gereinigt von dem Makel des Muttermords, ausgeſöhnt mit den Erinyen, die Bühne, die ſelbſt beſchwichtigt und verſoͤhnt, aus unholden Naturmächten zu ſegensreichen Gewalten(Eumeniden) beruhigt werden.

Eine weſentlich andere Aufgabe hatte Sophocles zu löſen, als er in ſeinerElektra den nämlichen Sagenſtoff bearbeitete, den Aeſchylus bereits in ſeinen Choephoren behandelt hatte.

Während Aeſchylus durch das dritte Stück ſeiner Trilogie die Strafe und Entſühnung des Mutter⸗ mörders brachte und damit einen befriedigenden Abſchluß herbeiführte, mußte Sophocles, deſſen Drama nicht Mittelglied einer Trilogie iſt ſondern ein in ſich vollſtändig abgeſchloſſenes Ganze bildet, die blutige That des Oreſtes ſo darzuſtellen ſuchen, daß das Stück auch ohne Hinweis in die ſühnende Zukunft wie dies in den Choephoren der Fall geweſen war, doch einen die Zuhörer befriedigenden Ausgang nehmen konnte.

Es galt demnach dle That der Klytämneſtra als eine ſo furchtbare und entſetzliche hinzuſtellen, ihr Bild ſo düſter und grauenvoll zu entwerfen, daß man mit dem Entſetzlichen des Muttermords ausgeſöͤhnt werden, dieſer als vollkommen berechtigt und verdienſtvoll empfunden werden konnte.

Sehen wir nun zu, ob es dem Dichter wirklich gelungen iſt,die Mörderin weit mehr in ihrer Verabſcheuungswürdigkeit zu zeichnen und die Vergehungen der treuloſen Gattin und Mutter weſentlich zu ſteigern und damit die Ueberzeugung zu begründen, daß ihre Verſtocktheit wirklich das unerbittliche Strafgericht der göttlichen Nemeſis herausfordert, welche ſich des Oreſtes als ihres Armes bedient.(Nauck, Einleitung zu Soph. El. Seite 27).

Sophocles gab zunächſt im Gegenſatz zu Aeſchylus den Oreſt als Hauptperſon und Träger der tragiſchen Handlung auf und ſtellte die im Hauſe des Vaters zurückgebliebene Elektra in den Mittelpunkt des Dramas.