Aufsatz 
Aus Schillers Studentenzeit
Entstehung
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in Schillers letzten Semestern ein gutmütiger Krankenwärter machte, die Nummer derSünde, d. h. der verbotenen Ware anzugeben um sie zu bekommen.

Der hagere, hochaufgeschossene Eleve Schiller soll sich in seiner Tracht, die in einem stahlblauen Rock mit schwarzem Kragen und Ärmelaufschlag, versilberten Knöpfen, weisser Tuch- hose, Stulpstiefeln und in einem enormen Zopf mit Papilloten be- stand, grotesk genug ausgenommen haben. Indes verlor sich jetzt sein linkisches Wesen wieder, da er sich derkühnen Anlage seiner Kräfte mehr und mehr bewusst wurde. Sein aufrechter, stolzer Gang entlockte einst einer Frau, die ihn durch den Schlaf- saal schreiten sah, den Ausruf:Der bildet sich wohl mehr ein als der Herzog von Württemberg.

Als Fachstudium wählte Schiller bei der Übersiedelung nach Stuttgart Medizin. Der Tageslauf stellte hohe Anforderungen an seine Kraft, denn er hatte jeden Wochentag von 711 Uhr und von 26 Uhr zu arbeiten. An Buntscheckigkeit liess ja der Lehrplan nichts zu wünschen übrig.. Schiller widmete sich keineswegs ausschliesslich seinem Brotstudium, zu dem ihn auch nicht des Herzens Trieb, sondern die Erwägung geführt hatte, dass es der Poesie näher stehe als die Jurisprudenz und ein Hilfsmittel zur Erforschung der: menschlichen Seelenkräfte ab- seben könne, sondern betrieb nebenher. allerlei andere Fächer, hörte von 4776 an Philosophie und Ästhetik, alte Geschichte, Plutarch und Vergil,Deutsche Sprache, Schreibart und Ge- schmack, befliess sich der französischen, englischen und italie- nischen Sprache, des Zeichnens urd der Reitkunst, studierte unter Anleitung seines Lehrers Abel.eifrig die Werke Shake- speares sowie alle bedeutenden Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Literatur, die ihn wiederholt zu eignen Versuchen anregten. Zur Ehre der Militärakademie und ihres Schöpfers sei es gesagt, dass auch für die leiblichen Bedürfnisse der Zöglinge gut gesorgt war. Ein grosser Garten, in dem jedem Schüler ein eigenes Grundstück zugewiesen war, ein Freibad, ein Winterbad, ein geräumiger, zum Tanzen, Fechten und Voltigieren bestimmter Rangiersaal*, ein luftiges Speisezimmer mit demTempelchen, einer durchdrei Flügeltüren damit verbundenen kuppelartigen Rotunde, in der der Herzog, wenn er in seiner Akademie weilte, zu tafeln pflegte um von hier aus den Essraum überschauen zu können, bildeten das Gegengewicht zu der harten geistigen Ar-