Aufsatz 
Über den naturwissenschaftlichen Unterricht an Gymnasien / von Gies
Entstehung
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ganz zu befriedigendes Bedürfniß zu ſein. Das Lehrbuch iſt freilich in der Hand eines tüchtigen Lehrers Nebenſache, aber doch eine Nebenſache von ſolcher Bedeutung, daß ſie den Erfolg ſeines Unterrichts weſent⸗ lich zu unterſtützen oder zu hemmen vermag. Den nachſtehenden Bemerkungen über die Einrichtung eines Leitfadens für den phyſikaliſchen Unterricht liegt die Vorausſetzung zu Grunde, daß dem Lehrer die erfor⸗ derliche Zeit gewährt iſt, um in den Unterrichtsſtunden die Hauptlehren mit möglichſter Inanſpruchnahme der Selbſtthätigkeit der Schüler bis zur völligen Klarheit durchzuarbeiten und auch die ſchwierigern Fälle ihrer Anwendung zur Erklärung von Naturerſcheinungen zu diskutiren. Dieſen Lehrgang hat nun der zur häuslichen Repetition beſtimmte Leitfaden in überſichtlichſter Kürze ſo darzuſtellen, daß dabei der innere Zu⸗ ſammenhang der Lehren gewahrt bleibt. Es iſt ein gewöhnlicher Mangel der Lehrbücher, daß ſie dieſen innern Zuſammenhang nicht genug hervortreten laſſen oder gar durch unbegreifliche Mißgriffe aufheben, wie denn z. B. in manchen ein Theil der ſtatiſchen Geſetze aus dem Parallelogramm der Kräfte, der andere aus dem Princip der virtuellen Geſchwindigkeit oder wohl auch aus gar keinem Principe abgeleitet wird. Dies entſpricht nicht den Anforderungen an ein wiſſenſchaftliches Bildungsmittel und erſchwert auch das feſte Einprägen der Hauptlehren. Am wenigſten eignen ſich zu Leitfaden für unſern Lehrgang diejenigen, welche zugleich für den. Selbſtunterricht beſtimmt ſind, da in ihnen beſtändig die Entwicklung der Lehren durch weitläufige Beſchreibungen von Apparaten und Verſuchen unterbrochen wird. Der Leitfaden ſoll nur von dem entſcheidenden Verſuche und von den Deduc⸗ tionen das Princip und den Weg andeuten, alles übrige muß dem eignen Nachdenken des durch den Unter⸗ richt gehörig vorbereiteten Schülers überlaſſen bleiben. Dem Bedürfniſſe, einem durch äußere Hinderniſſe zurückgebliebenen Schüler ein Hilfsmittel zum Nachholen zu geben, kann die Schulbibliothek abhelfen. Alle Anwendungen der Hauptlehren auf die Erklärung noch weiterer Verſuche oder dahin gehöriger Naturer⸗ ſcheinungen müſſen als Uebungsaufgaben behandelt werden. Aus dieſem Grunde iſt dem Leitfaden eine Aufgabenſammlung beizufügen, die aber einen abgeſonderten Theil zu bilden hat, damit durch Einmtiſchen dieſer Aufgaben in die einzelnen Paragraphen, welchen ſie entſprechen, die wünſchenswerthe Ueberſichtlichkeit der Hauptlehren nicht geſtört werde. Dieſe Aufgaben ſollen zu einer größern Vertiefung in die phyſikaliſchen Lehren und zu einer vollſtändigern Verarbeitung und Aneignung derſelben nöthigen. Für dieſen Zweck haben Rechenaufgaben nach den mathematiſchen Formeln der Phyſik keinen Werth. Es iſt in Rückſicht auf den phyſikaliſchen, wenn auch nicht in Rückſicht auf den mathematiſchen Unterricht, unweſentlich, daß dabei ge⸗ rechnet und konſtruirt wird; das Weſentliche iſt vielmehr, daß die Aufgaben den Schüler zum Denken und Selbſtbeobachten anregen. Der Stoff für ſolche Aufgaben muß daher ſo viel als möglich aus Verſuchen und aus Erſcheinungen der Natur und des gemeinen Lebens entnommen werden, überhaupt von der Art ſein, daß er möglichſt allſeitig die phyſikaliſchen Kenntniſſe des Schülers in Bewegung zu ſetzen vermag. Viele dieſer Aufgaben müſſen dann freilich in den Lehrſtunden ſelbſt gelöſt oder doch ſoweit vorbereitet werden, daß dem Schüler die weitere Ausführung mit Sicherheit gelingen kann. Unter dieſe Uebungsauf⸗ gaben wäre gar Manches zu verweiſen, wodurch in den Lehrbüchern der Zuſammenhang der Hauptlehren unterbrochen wird, wie z. B. die Theorie der Wage u. ſ. w.

Wer nun am Schluſſe dieſer Erörterungen über den Lehrplan des naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts an Gymnaſien und die zu ſeiner Durchführung geeignete Methode die Mittel und Ziele dieſes Unterrichts gehörig in Erwägung ziehen will, dem wird es wohl nicht zweifelhaft bleiben, daß die Uebelſtände, welche man aus der gegenwärtigen Organiſation der Gymnaſien ableiten will, dem Lehrgegenſtande, den man in der jüngſten Zeit am meiſten beſchuldigen möchte, nur dann zum Vorwurf gereichen können, wenn ihm und davon trägt die herkömmliche Organiſation allerdings nicht ſelten die Schuld eine verkehrte Behand⸗ lungsweiſe zu Theil wird. Wenn in ihm ſtatt der Weckung und Ausbildung von Seelenkräften, welche die

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