Aufsatz 
Lenau als Naturdichter
Entstehung
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Lenau fühlte ſich mit Hölty verwandt, deſſen Andenken er auch eine kleine Ode gewidmet hat; ¹) und wahrſcheinlich würde er auch, wenn ſein ruheloſer Geiſt ihn nicht ſogar über das Meer getrieben hätte,²) in dem Kreiſe der ſchwäbiſchen Dichterſchule Glück und Frieden gefunden haben. Doch während Hölty trotz ſeiner Todesahnungen die Freunde zum Genuſſe des Lebens auffordert, vermag Lenau nur ſelten die Gedanken an den Tod zu überwinden, ſo heiter er auch in ſeinen Briefen erſcheint, ein ſo liebenswürdiger Menſch er im Leben auch war.

Ob jeder Freude ſeh' ich ſchweben Den Geier bald, der ſie bedroht, ſo ſchildert er uns ſelbſt einmal ſeine Seelenſtimmung. Dürfen wir uns alſo noch darüber wundern, daß er mit dämoniſchen Mächten um ſeinen Seelenfrieden ringen mußte und unterlag? Du geleiteſt mich durch's Leben, Sinnende Melancholie, beginnt er ein anderes Gedicht und malt grau in grau uns ſeinen Trübſinn. Selbſtam Bette eines Kindes ſieht er ſchon mit gezücktem Dolch den Kummer harren, wenn er auch in einem ſeiner ſchönſten Sonette das Paradies in den Zügen eines ſchlafenden, Kindes zurückzubeſchwören glaubt. Die innige Hingabe an die Natur geht ja mit der warmen Liebe zur Kinderwelt Hand in Hand. Dieſen Zug leiht Goethe auch ſeinem Werther,3) und im Grunde ſchildert er nur ſeine eigene Herzensneigung. Hingen doch die Geſchwiſter von Charlotte Buff in Wetzlar mit rührender Liebe an ihm. Dieſen Ton ſchlägt auch Uhland an, wenn er ſingt:

¹)Hölty, dein Freund, der Frühling iſt gekommen! Klagend irrt er im Haine, dich zu finden; Doch umſonſt! ſein klagender Ruf verhallt in Einſamen Schatten! So lautet der Eingang dieſer in einer freieren Nachbildung der ſapphiſchen Strophe gedichteten Ode. Noch dre Oden ſind in dieſem Versmaß verfaßt. Die drei erſten Verſe ſind als fünffüßige Trochäen aufzufaſſen, in deren jedem vom erſten bis zum dritten Fuße in gleichmäßiger Reihenfolge ſtatt des Trochäus ein Daktylus eintritt. In zwei Oden dagegen iſt das reine ſapphiſche Maß gewahrt, und nur eine iſt in der alcäiſchen Strophe gedichtet. Als liebliche Naturbilder ſind die beiden OdenAbendbilder hervorzuheben. Antik iſt in allen Oden nur das Versmaß; die darin ausgeſprochenen Empfindungen ſind modern. In reimloſen Daktylen, im ſogenannten adoniſchen Verſe, iſt das ganz von Goethe'ſchem Geiſt erfüllte, liebliche GedichtPrimula veris verfaßt, aus welchem alle Geiſter der Schwermut ver⸗ bannt ſind.

Blume, du glaubſt es, Oeffneſt die Bruſt ihm; Daß der erſehnte Aber es dringen Göttliche Frühling Lauernde Fröſte Endlich gekommen, Tödtlich ins Herz dir.

Mag es verwelken! Ging doch der Blume Gläubige Seele Nimmer verloren! In jambiſchen Verſen, doch auch reimlos, ſindNeid der Sehnſucht undWunſch gedichtet; in Jamben und Anapäſten iſtder gute Geſell verfaßt. ²) Vgl. Lenaus allegoriſches GedichtDer Schmetterling. ²) Vgl. z. B. folgende Stelle:Wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, ſo lindert all den Tumult der Anblick eines ſolchen Geſchöpfs, das in glücklicher Gelaſſenheit den engen Kreis ſeines Daſeins hingeht, von einem Tage zum andern ſich durchhilft, die Blätter abfallen ſieht, und nichts dabei denkt, als daß der Winter kommt. Seit der Zeit bin ich oft draußen. Die Kinder ſind ganz an mich gewöhnt, ſie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und theilen das Butterbrot und die ſaure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie u. ſ. w.

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