— 3— liebenswürdige Männlichkeit¹) können einen bedauerlichen Mangel an politischen Fähigkeiten nicht verdecken. Für Dandolo schien freilich hiermit der rechte Mann gegeben zu sein. Sollten wir aber darin den Zug einer groſsen Politik erkennen? War es weitsehend, ein Schattenreich zu begründen, das nach kaum zwei Menschenaltern den Genuesen und Byzantinern zum Opfer fiel?
Aber kehren wir zu den Ereignissen zurück. Bonifaz durch- schaute die Intrigue bald und suchte ihr zu begegnen. Als sich die Grafen und Herren in seinem Quartier, dem Palaste Bukoleon, zu einer vorbereitenden Sitzung versammelten*), forderte er eine Ab- änderung des früher vereinbarten Wahlmodus. Da er die Stimmung der an Zahl dominierenden flandrischen und französischen Herren kannte, verlangte er, für seine Person aufser den vom Heere zu wählenden sechs Wahlherren noch einmal eine Anzahl Wähler er- nennen zu dürfen). Allein Dandolo war der Situation gewachsen. Falls ihn dieser Antrag wirklich überrascht hat, so hat er den Schlag geschickt zu parieren verstanden. Er antwortete mit einem Gegen- antrag, welcher der Gefahr der Lage sofort die Spitze abbrach. Die Worte, die ihm Clari⁴) in den Mund legt, sind sehr charakteristisch. „Ihr Herren“, sprach er zur Versammlung,„nun hört mich an. Ich will, daſs, bevor man einen Kaiser wähle, man die verschiedenen Kaiserpaläste5) der gemeinsamen Obhut des ganzen Heeres anver- traue. Denn, wenn man mich zum Kaiser wählen sollte, möchte ich doch alsbald ohne Widerspruch von den Palästen Besitz nehmen und in sie einziehen. Und ebenso, wenn man den Grafen von Flandern wählen sollte, möchte er doch die Paläste ohne Widerstreit sich an- eignen, oder wenn man den Markgrafen, den Grafen von Blois oder von St. Paul oder irgend einen armen Ritter wählen sollte, müſsten sie diesem doch übergeben werden, ohne dafs der Markgraf oder der Graf von Flandern Einspruch erhöbe“. Man sieht, der Antrag war so gehalten, daſs er Bonifaz nicht direkt verletzen konnte; aber er
¹) Nik. 790; Rob. Alt. bei Bouq. 271 E. Wilken 329.
²) Wilken 321 nach Niketas: in der Apostelkirche.— Vill. 150, 176; Bald. Aven. 357; Clari 71; Chr. v. M. fr. 18— 19, gr. 35— 36, it. 419, ar. 14.
³) Nur bei Clari 71; eine Erinnerung daran wohl bei Nik. 789 u. Dandolo, Mur. XII 330.
4) Clari 72.
⁵) Blachernae u. Bukoleon, ersterer von Balduins Bruder Heinrich, letzterer von Bonifaz besetzt.
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