Aufsatz 
Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von Konstantinopel : 1. Teil. Geschichte der Kaiser Balduin I. und Heinrich 1204-1216. Unter Benutzung eines Manuskriptes von Cal Hopf und mit Unterstützung
Entstehung
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Erstes Kapitel. Die Kaiserwahl.

Konstantinopel war genommen. Die Wut der Eroberer hatte sich ausgetobt. Aber aus dem Chaos der Zerstörung tauchte wieder der Gedanke empor, daſs man ein neues Reich begründen oder besser, daſs man das griechische Reich auf fränkischer Grundlage von neuem aufrichten wolle. Merkwürdig, wie sich dabei der Wandel der Zeiten offenbart. Hier ist nicht von theokratischen Einrichtungen die Rede. Das 13. Jahrhundert ist sich seines weltlichen Charakters wohl be- wulst, und wie der Boden, auf dem man weilt, rein weltliche, weil altrömische, Traditionen atmet, so ist auch die Gründung des neuen lateinischen Kaisertums von rein politischen Gesichtspunkten bestimmt. Dieser Richtung fügen sich selbst die Kleriker im Heere. Nachdem die fromme Partei abgezogen war, waren nur Männer wie Nivelon de Chérisy von Soissons oder Konrad Krosigk von Halberstadt übrig geblieben, das alles Leute, die gewohnt waren, ihre Politik nicht von kirchlichen Gesichtspunkten allein bestimmen zu lassen und unter Um- ständen selbst einem Innocenz zu trotzen.

Zunächst galt es die Vorbereitungen zur Wahl zu treffen. Dabei zeigte sich freilich sofort, wie starke Meinungsverschiedenheiten im Heere herrschten.Sechs Franken und sechs Venetianer sollten die Wahlherren des Kaisers sein, so bestimmte der Vertrag vom März 1204,diesem sollte ein Viertel des Reiches nebst den Palästen Bukoleon und Blachernae zufallen; zugleich sollten ihm die Inhaber der übrigen drei Viertel als ihrem Lehnsherrn untertan sein). Allein nur die Venetianer wurden von einem einheitlichen Willen geleitet; bei den Franken lielsen sich sofort zwei Parteien erkennen. Hie Balduin, hie Bonifaz, war bald die Losung, die das Pilger- heer erfüllte. Es ist merkwürdig, wie rasch sich die Parteien ge-

¹) Tu Th(Tafel u. Thomas) I 446/7 u. 450/1.