Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Die Unterſcheidung Raumer's zwiſchen hiſtoriſchen und phyſiologiſchen Veränderungen in der Sprache, und die Bezeichnung der in der neuhochdeutſchen, als einer Schriftſprache vorgegangenen für zugleich hiſtoriſch, kann ich nicht richtig finden: in Wirklichkeit beruht die Entſtehung einer Lauteigenthümlichkeit im Neuhochdeutſchen ganz auf denſelben Vorgängen, wie im Gothiſchen oder Sanskrit, und wir müßten daher, wenn wir die Berechtigung dieſer Vorgänge leugnen wollten, nicht einmal gothiſch, ſondern mindeſtens altindogermaniſch ſprechen.

In Betreff der Orthographie erklärt ſich Raumer in mehreren ſchönen Abhandlungen eben⸗ falls im Weſentlichen für das Herkommen, ohne jedoch, wie es ſcheint, hinlänglich dem Bewußtſein Raum zu geben, daß das Herkommen auch von Rechtswegen der einzige Geſetzgeber in ſolchen Dingen iſt. Daß es ein ſolches Herkommen wirklich gibt, darüber ſagt er u. A. treffend:Man nehme Gellerts Briefe, wie er ſie im Jahre 1758 zu Leipzig herausgegeben hat, und vergleiche ſie mit dem neueſten Blatte der Augsburger Allgemeinen Zeitung, und man wird, vielleicht mit Verwunderung, ſehen, wie wenig die Orthographie des alten Gellert von unſerer heutigen abweicht. Ja, wer nicht an philologiſch⸗grammatiſches Leſen gewöhnt iſt, der wird ſeine ganze Aufmerkſamkeit zuſammennehmen müſſen, um nur überhaupt einen Unterſchied gewahr zu werden. Wenn dem Angeführten gegenüber unſere Orthographie von ihren Verbeſſeren mit Vorliebe als höchſt ſchwankend und unſicher dargeſtellt wird, ſo iſt zu bedenken, daß meiſtens dieſe Verbeſſerer es erſt ſelbſt ſind, welche ſie ins Schwanken bringen. Dabei ſind dieſelben unter ſich zum Theil ebenſo uneinig als mit der bisherigen Schrift. Und dennoch haben alle dieſe Bemühungen ein wirkliches Schwanken noch nicht zu Stande bringen können. Schleicher, der in ſeinen ſtreng wiſſenſchaftlichen Werken nach der verbeſſerten ſogenannten hiſtoriſchen Orthographie ſchrieb, ſagt in der Vorrede des für einen größeren Leſerkreis beſtimmten Buchesdie deutſche Sprache:Vor Allem auch zur richtigen

gegenwärtigen Form feſtgeſtellt, wie die Vergleichung folgender Paradigmen aus verſchiedenen Grammatikern zeigt:

(Mittelhochdeutſch: praes.: grife greife, grifest, grifet; imperf.: greif, griffe, greif, griffen, griffet, griffen. Ebenſo ribe, ich reibe, reip, ich rieb, ribe, riben. Praes.: binde; imperf.: bant, bunde, bant, bunden. Vgl. über Luther's Conjugation Ph. Dietz, Wörterbuch zu M. Luther's Schriften, 1870. I. Bd. XXI. ff. und über das Ver⸗ hältniß Luther's zur mitteldeutſchen Mundart überhaupt ebd. VII. und Opitz,über die Sprache Luther's Halle 1869.

Clajus 1578 ff. Imperf.: Ich ſchreib, du ſchriebeſt, er ſchreib, wir ſchrieben; ich greiff, du griffeſt, er greiff, wir griffen; ich ſang, du ſungeſt, er ſang, wir ſungen.(In der mir vorliegenden 7. Aufl., Leipzig 1625, iſt ſchreib zuweilen in ſchrieb geändert, ſo daß zwiſchen Beiſpiel und Regel ein Widerſpruch eintritt.)

St. Ritter gramm. germ. Marpurgi 1616: Imperf.: ich rieb vel raib p. 141; ich ſchrieb(aber in deſſelben Vf. Rudimenta grammatica, Cassellis 1621: Ich ſchreib, scribebam); ich ſchwaig, aber ich trieb, ich ſchliech, ich ſtiege, ſchnidte, ſchin, ſtrit, riſſe. Ferner: ich ſang, du ſangeſt, er ſange, wir ſangen und ſungen(p. 145). Ich ward, du wardſt, er ward, wir warden, ihr wardet, ſie warden(Rud.)[Man bemerke den correcten Gegenſatz zwiſcken Imperf.: ich raib, ſchwaig(d. i. rieb, ſchwieg) und praes.: ich reib, ſchweig(d. i. reibe, ſchweige, ai= mittelhochdeutſch ei, ei= mittelhochdeutſch 1); in den Rud. ſteht: ich ſchreibe, scribo; ich ſchreib scribebam.]

Schottel(1651 und 1663): Praes.: ich ſchreibe, du ſchreibeſt; imperf.: ich ſchrieb, du ſchriebeſt, er ſchrieb; praes.: ich greiffe, greiffeſt; imperf.: griff, griffeſt, griff. Imperf.: ich ſang, du ſungeſt, er ſang, wir ſungen; ich ward, du würdeſt(sic!) oder wordeſt, er ward, wir würden oder worden.

Unſerwie die Alten ſungen iſt bekanntlich noch ein Reſt des ehemaligen Vocalwechſels. Man ſieht hier die ſteigende Tendenz der neuhochdeutſchen Sprache, den Unterſchied in dem Vocale der verſchiedenen Perſonen einer und derſelben Zeit aufzugeben, da die einſt vorhandenen lautlichen Gründe eines ſolchen Unterſchiedes längſt verſchwunden ſind. Wir ſagen jetzt du ſangeſt, wie ich ſang; dagegen iſt in ich ſchrieb umgekehrt das ie der zweiten Perſon für alle Perſonen maßgebend geworden, weil mehrere derſelben mit dem Vocal ei dem Präſens gleich geworden wären.