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der Natur der deutſchen Sprache begründet und mit den Geſetzen der Wortfolge verknüpft; ſie ſind daher nicht zu entbehren. Erſt auf ſie kann die Lehre von dem Gebrauch der Modi und Tempora begründet werden. Dagegen iſt z. B. die Eintheilung der Sätze in„nackte“ und„bekleidete“ oder „erweiterte,“ wie ſo manches Andere, womit man das Denken zu ſchärfen vermeint, völlig werthlos; und überhaupt wird man gut thun, Eintheilungen und grammatiſche Kunſtausdrücke auf das Unent⸗ behrlichſte, allgemein Anerkannte zu beſchränken. Eine Benutzung naheliegender fremdſprachlicher Erfahrung wird nicht zu verſchmähen ſein; ſo wird z. B. die Eigenthümlichkeit der deutſchen Wort⸗ folge durch den Gegenſatz des Franzöſiſchen in ein helleres Licht treten.
Wir können uns nicht verhehlen, daß die Methode der älteren lateiniſchen Schulgrammatik, von vielen Uebertreibungen im Einzelnen abgeſehen, doch im Ganzen ſo manchen Neuerungen gegenüber im Rechte war, und auch Grimm hat in der Syntax weſentlich dieſelbe Methode ein⸗ gehalten. Freilich muß ſich die deutſche Grammatik davor hüten, jede lebendige Einzelheit unter dem Namen der Ausnahme erſchöpfend dem Gedächtniß überliefern zu wollen; vielfach kann ſie ſich begnügen zu erklären, was unter Umſtänden geſchehen kann, ohne jeden einzelnen Fall, wo es geſchieht, angeben zu wollen.
VIII.
Begränzung der Befugniſſe der Grammatik. Sprachreformbeſtrebungen der hiſtoriſchen Schule. Die orthographiſche Frage.
Noch weniger darf die Grammatik zur Entſcheidung bringen wollen, was der Gebrauch ſelbſt unentſchieden läßt.„Die lebenden Sprachen,“ ſagt Klopſtock,„haben immer etwas, das im Wer⸗ den iſt, und ſich bald auf dieſe Seite, bald auf jene Seite neigt.“ Die Sucht, eine recht exacte, ſtrenge Theorie zu ſein, hat die Grammatik nur zu oft zur Verkennung der Natur alles Werdens in der Sprache verleitet, und ſie zur pedantiſchſten Sache der Welt, ja für die freie Entwicklung der Sprache ſelbſt gefährlich gemacht. 3
Am unzuläſſigſten aber iſt es, wenn die Grammatik von ſich aus, nach irgend einem all⸗ gemeinen Princip, der Sprache Geſetze vorſchreiben will. Die Sprachlehre hat nur eine einzige Richtſchnur, den Sprachgebrauch. Adelung hat dies ganz richtig erkannt, und er iſt hierin der hiſtoriſchen Schule, und namentlich auch Jacob Grimm, wahrhaft überlegen.
Es kann auf den erſten Blick ſeltſam erſcheinen, daß gerade Grimm, der für das natur⸗ gemäße, unbewußte Werden der Sprache einer ſo tiefen Ehrfurcht fähig war, überall mit modeln⸗ der Hand in unſere Sprache einzugreifen ſuchte. Es lag dies an der Verkennung der Wahrheit, daß eben der Sprachgebrauch, der unſere gegenwärtige Sprache beſtimmt, die ſchöpferiſche Kraft iſt, die die Sprache von der Urzeit an gebildet hat. Was dem alten Bau des Mittel⸗ oder Alt⸗ hochdeutſchen zuwider in unſere Sprachgewohnheit gedrungen iſt, das ſollte„unorganiſch“ ſein, wäh⸗ rend doch jener alte Bau ſelbſt nur ganz auf dieſelbe Weiſe, durch Sprachgewohnheit entſtanden iſt, und einem noch älteren Sprachzuſtande ebenſo zuwider läuft. Schleicher, deſſen feindliche Stellung gegen das Neuhochdeutſche ſchon erwähnt worden iſt, gibt wiederholt ſein Bedauern über manches„Unorganiſche“ dieſer Art in unſeren Wortformen zu erkennen, und nennt es z. B. ein Eindringen der Mundart Zwickauer's, daß wir ſchwöre, gewöhne, Hölle, dörren,


