Aufsatz 
Ueber deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen / von L. Geiger
Entstehung
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Grammatik geſchaffen worden ſind, nicht ein ſchlagender Beweis gegen ihren vermeintlichen prak⸗ tiſchen Werth? Und werden wir nicht auch in der Neuzeit von Shakeſpeare annehmen müſſen, daß er wenigſtens eine Grammatik ſeiner Mutterſprache nicht gekannt habe?

Die Thatſache iſt richtig, aber die praktiſche Werthloſigkeit der Grammatik ſcheint ſie mir dennoch nicht zu beweiſen. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß Diejenigen, die in Zeiten, wo ihre Sprache noch nicht grammatiſch bearbeitet iſt, dichtend oder ſchreibend auftreten, die höchſten, ſeltenſten Geiſter ſind. Für ſolche Menſchen iſt der Inſtinct der Sprache, der ohnedies von wenig ſonſtigen Bildungs⸗ ſtoffen abgezogen und zerſtreut iſt, völlig zu den höchſten Schöpfungen ausreichend. Ein intuitives Aufnehmen des Geſetzes aus vielleicht nur vereinzelten Fällen ſetzt ſie in den Mittelpunct des Sprachgefühls ihrer Nation, das ſie inſtinctiv errathen, dem ſie überdies zum Theil Muſter und Regel werden. Der Sprachgeſchmack in ſeltener Naturausbildung iſt es, der hier die Regel erſetzt. Solche Erſcheinungen gibt es auf allen Gebieten. Es gibt Köpfe, für welche es kaum einer arith⸗ methiſchen oder algebraiſchen Methode bedürfte. Es iſt bekannt, daß eine bedeutende Anzahl kleiner Planeten mit den ſchlechteſten Inſtrumenten entdeckt worden iſt. So iſt es allenthalben unleugbar, daß es nichts Mächtigeres, nichts Selbſtgenügſameres gibt, als die große Naturanlage. Aber in der Zeit, in der wir leben, will alles Volk zu ſchreiben und zu ſprechen verſtehen, und wir können nicht hoffen, daß, ſofern es doch überhaupt einen Unterſchied zwiſchen Richtigem und Unrichtigem gibt, Jeder von ſelbſt das Richtige verſtehe und als Homer über ſeine Sprache walte, ſondern wir haben, wenn wir die Sprache jedem Inſtincte überlaſſen, nur Verwilderung zu erwarten.

VII.

Methode der Sprachlehre. Diephiloſophiſche Schule. Steinthal. Wichtigkeit der Form für die Sprachlehre.

Wenn die Sprachlehre die Aufgabe erfüllen ſoll, das in der Sprache lebendige Syſtem zum Bewußtſein zu bringen, und damit dem Geiſte die Form zu bieten, in welche die Maſſe der ſprach⸗ lichen Geſtaltungen aufgenommen und zur geſicherten Auffindung geordnet werden kann, ſo ergibt ſich leicht der Gang, den wir ihr zu dieſem Ziele wünſchen müſſen. Ein vermeintlich philoſophiſcher Weg iſt hier durchaus verwerflich. Eine ſolche Methode, wie ſie Becker vertreten hat, beruht auf der Grundanſchauung, als ob wir uns nur ein Schema deſſen machen dürften, was wir von der Sprache zu fordern haben, und dann zuzuſehen hätten, auf welchem Wege eine Sprache dieſe For⸗ derung erfüllt. Es iſt dies wieder, nur in anderer Form, die falſche Vorſtellung von der Sprache als einer organiſchen Thätigkeit. Die Sprache ſollte überall Daſſelbe leiſten, und zwar glaubte Becker von vornherein beſtimmen zu können, was ſie leiſten müſſe. Der Zuſammenhang von Denken und Sprechen wird hier nicht etwa ſo aufgefaßt, daß wo die Sprache auf unvollkommener Stufe ge⸗ funden wird, auch auf ein unentwickelteres Denken geſchloſſen werden müſſe, ſondern von der Voraus⸗ ſetzung aus, daß das Denken überall und von jeher als eine organiſche Denkfunktion fertig in dem Menſchen vorhanden geweſen ſei, ſollte auch die Sprache in allen ihren Formationen ein und das⸗ ſelbe logiſche Schema zeigen, welches mit Hülfe der Logik zu entwerfen, eben die Aufgabe der

philoſophiſchen Grammatik war.