Aufsatz 
Die Gründung Fulda's / von Jakob Gegenbaur
Entstehung
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Es werden ſich wohl wenige Städte in unſerem Vaterlande finden, welche in gleicher Weiſe ſo beſtimmt auf Jahr, Monat und Tag ihre Gründung angeben können, als Fulda, das heute die Ehre hat, dieſe hohe Verſammlung in ſeinen Mauern zu begrüßen. Aber nicht blos der Gründungstag ſelbſt läßt ſich mit kritiſcher Genauigkeit feſtſtellen, ſondern es ſind auch alle die vorausgehenden Ereigniſſe in ſo feſten Umriſſen uns überliefert, daß es nur einer klaren geographiſchen Anſchauung der Beſchaffen⸗ heit des Landes und einer einfachen Kenntniß der chronologiſchen Verhältniſſe in jenem Zeitraume bedarf, um eine ganze Reihe von Mißverſtändniſſen und Irrthümern zu beſeitigen, wie ſie ſeiner Zeit in viel verbreiteten Büchern enthalten waren. Es kann natürlich hier nicht meine Abſicht ſein, dieſe ſchiefen Auffaſſungen, von denen viele ſchon bereits widerlegt und von Geſchichtskundigen auch längſt auf⸗ gegeben worden ſind, nochmals kritiſch zu beleuchten, ſondern meine Aufgabe wird ſich nur darauf be⸗ ſchränken, kurz und poſitiv die Ereigniſſe hinzuſtellen, durch welche ſich die Gründung Fulda's vollzog, und ſodann einen Blick zu werfen auf die allgemeinen hiſtoriſchen Verhält⸗ niſſe, unter welchen dieſe Gründung ſtattfand, und in welchem Zuſammenhange dieſe zu jenen ſteht, um ſo die Bedeutung dieſes Actes für jene Zeit richtig würdigen zu können.

Die Hauptquelle für die Urgeſchichte Fulda's iſt: Vita Sturmi, Beſchreibung des Lebens des erſten Abt's Sturmi, verfaßt durchEigil, den vierten Abt von Fulda(818 822), den Erbauer der Michaelskirche, eines der älteſten Denkmäler Karolingiſchen Bauſtils, dahier. Leider haben wir aus den erſten Jahrhunderten der Entſtehung jener vita keine Handſchrift erhalten; nur zwei Abſchriften ſind überhaupt zur Zeit bekannt, von denen die eine auf der Bibliothek zu Erlangen dem 13. Jahr⸗ hundert angehört, die andere, der Bamberger Codex, erſt aus dem 15. Jahrhundert ſtammt. Dieſe Lebensbeſchreibung zeichnet ſich durch Wahrheitsliebe und Genauigkeit in den Angaben der Thatſachen, Lebendigkeit und Anſchaulichkeit in der Darſtellung aus; ihre Bedeutung für die allgemeine deutſche Geſchichte geht auch daraus hervor, daß ſie in das große Nationalwerk der deutſchen Geſchichte, in den zweiten Band derMonumenta Germaniae historica aufgenommen worden iſt.

*) Vortrag, gehalten in der Feſtverſammlung des Vereins für Heſſiſche Geſchichte und Landeskunde am 17. Juli

1877 zu Fulda. 1*