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von den Religionswahrheiten, die als uͤberſinnlich leicht von der uns umſchlie⸗ ßenden, und gewaltig auf uns einwirkenden ſinnlichen Natur, im Geiſte zu⸗ ruͤckgedraͤngt, verdunkelt und geſchwaͤcht werden. Die Vernunftreligion hat nun keine beſtimmten Anſtalten und Gebraͤuche zur Anfriſchung, Staͤrkung und Vervollkommenung ihrer Lehren, obgleich ſie die Nothwendigkeit davon einſieht, indem ſie die Einfuͤhrung und Einrichtung derſelben von ihrer Zweckmaͤßigkeit, Wuͤrde, wahrſcheinlichen Wirkſamkeit und Schoͤnheit abhaͤngen laͤßt. Wollte ſich aber auch eine kleine Anzahl von Menſchen, deren Religionslehren aus der Vernunft geſchoͤpft waͤren, ſolche Gebraͤuche vorſchreiben; ſo fehlte denſelben die Weihe der Offenbarung, und ſie wuͤrden als eignes Gebilde der noͤthigen Achtung entbehren, ſtetem Wechſel unterworfen ſein, und ohne belebende Kraft, wie die Kirchengeſchichte uͤberzeugend beweiſet, und die von mir in der Naͤhe geſehene franzoͤſiſche Dekadenfeier..
Die geoffenbarte Religion dagegen hat viele ſehr— zweckmaͤßige, edle, wirk⸗ ſame und ſchoͤne Anſtalten und Gebraͤuche, die im Geiſte des goͤttlichen Stif⸗ ters verwaltet, mit ſicherer Kraft auf die Belebung, Staͤrkung und Vervoll⸗ kommenung der Religionslehren wirken, angemeſſen fuͤr jedes Alter und fuͤr jeden Stand, wie jeder Kenner des goͤttlichen Chriſtenthums weiß.
c) In Ruͤckſicht ihrer Wirkungskraft. Die Vernunftreligion ſteht in ihrer Reinheit und Ueberzengungskraft als hohe Abſtraktion zu fern vom Leben. Sie begreift daher auch nur die Hauptlehren der Religion, aber nicht alle. Sie beruͤhrt nur die Hauptſeiten des Lebens, aber nicht alle. Sie befriedigt nur die Hauptanſpruͤche des menſchlichen Herzens, aber nicht alle. Hoch erhaben uͤber Zeit, Oertlichkeit und alle beſchraͤnkende Verhaͤltniſſe der Voͤlker— ent⸗ ſpricht und genuͤgt ſie daher keinem als Volksreligion. Deßwegen laͤßt ſie den Menſchen in vielen Faͤllen ohne Belehrung, ohne Troſt, ohne Beruhigung, ohne Staͤrkung, ohne Begeiſterung, ohne Ergebung, ohne Andacht, kalt, herz⸗ los, irreligioͤs, wie auch de Wette im a. W. Seite 108. wahr und ſchoͤn ge⸗


