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treibt und ſpornt ſie den Menſchen ohne alle Ruͤckſicht auf Tugend und Recht. Denn flieht die Selbſtliebe ſcheinbar das Laſter, oder folgt ſie ſcheinbar der Tugend, ſo iſt die Vermeidung eines Uebels, oder die Erjagung eines irdiſchen Vortheils ihr eigentliches Ziel. Aus dem Grunde treibt ſie auch zur Ausbil⸗ dung, zum Muthe, zur aͤußeren Ehre, zur Herrſchaft; verletzt aber dabei auch frech die heiligſten Foderungen des Rechts, und ſchreitet uͤber Staͤdtetruͤmmer und Leichenhuͤgel zum irdiſchen Ziele, wenn es ihr ſo ſchneller und ſicherer er⸗ reichbar ſcheint.
Der ſittliche Trieb iſt das Leben des Menſchen als eines uͤberſinnlichen Weſens, und verkuͤndet die heiligen Wahrheiten der Religion— von Gott, von der Freiheit und Unſterblichkeit der Seele, und von einem unwandelbaren hei⸗ ligen Geſetze fuͤr Geſinnung und That— Wahrheiten, die der Allguͤtige noch durch eine beſondere Offenbarung weit verſtaͤndlicher und wirkſamer machte. Er fodert von allen Menſchen, dieſe heiligen Wahrheiten durch die groͤßtmoͤg⸗ lichſte Ausbildung zur klaren und lebendigen Ueberzengung zu bringen, und ih⸗ nen gemaͤß das Leben zu geſtalten, und da darin die Tugend beſteht, dieſt fuͤr das hoͤchſte Ziel alles menſchlichen Strebens zu halten.
Aus dem Geſagten ergibt ſich nun klar, daß ſich die Foderungen beider Triebe feindlich entgegen treten. Da nun nicht der Menſch, welcher die himm⸗ liſche Tugend dem irdiſchen Vortheile, ſondern der, welcher alle irdiſche Guͤter der ewig⸗ſchoͤnen Tugend zum Opfer bringt, fuͤr rechtſchaffen, achtungswerth und gottgefaͤllig gehalten wird; ſo fodert die ſittliche Bildung unabweislich, die irdiſche Selbſtliebe der ewigen Vernunft unterzuordnen. Dieſe Unterordnung werd indeſſen nur dann ſicher gelingen und Dauer verſprechen, wenn der ſinn⸗ liche Trieb veredelt und gemaͤßigt, und der ſittliche entwickelt und geſtaͤrkt wird, damit dieſer in den ſchweren Kaͤmpfen mit jenem immer als Sieger erſcheine.
Der ſinnliche Trieb wird nun veredelt und gemaͤßigt: durch ſtete wohlge⸗ ordnete Thaͤtigkeit des Leibes und Geiſtes; durch ſtrenge Maͤßigung in erlaub⸗
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