Aufsatz 
Über die Entartung der Jugend in der neueren Zeit
Entstehung
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ſo daß er deſto tugendhafter und edler im Leben erſcheint, je feſter und le⸗ bendiger dieſe Ueberzeugung in ſeinem Herzen wohnt. Was dieſe Ueber⸗ zeugung ſtaͤrkt, befeſtigt und lebhaft erhaͤlt, befoͤrdert das ſegenvolle Walten der himmliſchen Tugend: aber auch Alles, was dieſe Ueberzeugung durch Irrthum oder Trug ſchwaͤcht oder vernichtet, ſchwaͤcht oder vernichtet die Tugend der Menſchen und ihre Wuͤrde, und befoͤrdert die eiſerne Herrſchaft des verderblichen ſchaͤndlichen Laſters.

III. Die frühere Erziehung.

Richtet man nun ſeine Aufmerkſamkeit auf die fruͤhere Erziehung, wie noch lebende Menſchen dieſelben uns ſchildern; ſo ergiebt ſich mit voller Ge⸗ wißheit, daß das Hauptziel der damaligen Erziehung in Bildung des Her⸗ zens beſtand, und daß die derſelben untergeordnete Kopfbildung noch faſt ganz ihre Dienerin war. Unangefochten und unentweiht waren da noch die heiligen Wahrheiten und zweifelfrei der Glaube des Menſchen. Der Abſcheu vor Suͤnden war ſtark und lebendig, wie die Ehrfurcht vor Gott und der Stimme des Gewiſſens. Fehlte man auch, ſo geſchah es aus Schwaͤche und im Verborgenen, und es blieb der Abſcheu vor Laſtern wie die Liebe zum Guten und fuͤhrte bald zum verlaſſenen Wege der Tugend zuruͤck. Was die heiligen Wahrheiten aufhellte, anfriſchte, ſtaͤrkte und lebendig und wirkſam erhielt, wurde mit heiligem Ernſte geuͤbt, die Beſuchung des oͤffentlichen Gottesdienſtes und das haͤusliche Gebet. Dadurch erhielt die erhabene Liebe zum Guten eia bleibendes Uebergewicht uͤber die niedrige Neigung zur Welt. Nur Tugend brachte bleibende Ehre, und ihren Mangel erſetzte nicht Stand, nicht Reichthum, nicht Macht. Da liebte und ehrte der Unterthan den Herrſcher wie der Herrſcher das Volk. Die Kirche fuͤhrte zum Guten durch