Das menſchliche Streben iſt von Natur entzweit und ſchwankend; denn feindlich treten ſich die beiden Grundtriebe, der eigennuͤtzige und der ideale entgegen. Jener zieht und ſpornt den Menſchen nur zum Genuſſe und eige⸗ nen Vortheile auf was immer fuͤr Wegen. Dieſer ſpricht das unabaͤnderliche Geſetz fuͤr Geſinnung und Thaten aus, und fodert, das Streben nach Vor⸗ theil und Genuß darnach zu beſchräͤnken, und oft irdiſche Guͤter als an ſich werthlos und das Leben ſelbſt aufzuopfern. Ueberwaͤnde und unterdruͤckte aber auch der Eigennutz den idealen Trieb gaͤnzlich, wie faſt bei der einſei⸗ tigen Bildung fuͤr das Endliche fruͤher geſchah: ſo wuͤrde ſeine Alleinherr⸗ ſchaft doch keine Einheit des Strebens begruͤnden. Denn er ſelbſt erſcheint wieder in tauſend verſchiedenen Geſtalten, die ſich wechſelſeitig beſchraͤnken und vernichten, und wovon die lebhafteſte jedesmal dem menſchlichen Stre⸗ ben die augenblickliche Richtung ertheilt. Der Lebenstrieb, die Gaumen⸗ luſt, die Habſucht, die Rachgierde, die Ehrſucht— nach wie vielen verſchie⸗ denen Seiten ziehen und reißen ſie den Menſchen? Der ſo vom Irdiſchen uͤberwaͤltigte gleicht dem ſchwankenden Rohre, jede aufkeimende Begierde er⸗ ſchuͤttert das beſtehende Streben, und gibt Geſinnung und That jedesmal eine neue Geſtalt.„Wenn der ſinnliche Trieb herrſcht, ſo entſteht eine Anarchie im Ganzen der Menſchheit und in jedem einzelnen Menſchen.“ Klein Reli⸗ gions⸗ und Sittenlehre Seite 22.
Der ideale Trieb aber ſteckt dem Menſchen nur ein Ziel, die himmliſche Tugend. Iſt er daher durch ſittlich⸗religioͤſe Bildung zum Herrſcher und Lenker der Triebe erſtarkt; ſo loͤßt ſich der Zwiſt des menſchlichen Strebens in bleibenden Einklang.
B. Sittlich⸗ religioͤſe Bildung verſchoͤnert das menſchliche Leben.
Unedel ſind von Natur die ſinnlichen Begierden des Menſchen, aber ſitt⸗
lich⸗religioͤſe Bildung gibt ihnen hoͤhere Richtung und Weihe. Sie veredelt


