Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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Um 5 Uhr verließ Seine Durchlaucht der Fürſt Bruno, hoͤchſt⸗ welcher bei dem Bankett den Vorſitz übernommen hatte, die Feſthalle. Bei vielen Feſtgenoſſen machte ſich um dieſe Zeit Ermüdung und Abſpannung mit uner⸗ bittlicher Strenge geltend; ſie empfanden das dringende Bedürfniß nach körper⸗ licher Ruhe und Erquickung und ſuchten dasſelbe zu befriedigen. Den Abend ver⸗ ſchönte der hieſige Muſikverein den Feſtbeſuchern durch Aufführung eines trefflich gelungenen Concertes in der Aula des Gymnaſialgebäudes, deren Pforten ſich den Verehrern der edlen und holden Tonkunſt um ½ 8 Uhr öffneten. Dieſes Concert und ein ſolenner Fackelzug nach demſelben bildeten die Glanzpunkte des Abends vom 1. Mai 1872. Durch den ſtattlichen Fakelzug brachten die Schüler des Gymnafiums Seiner Durchlaucht dem Fürſten und dem in der Feſthalle verſammelten Lehrercollegium die Empfindungen der Ehrfurcht und des Dankes zum Ausdruck. Als Sprecher fungirten die Primaner Otto Rappolt und Er⸗ win Volckmar. Seine Durchlaucht nahm die ehrfurchtsvolle Huldigung der Gymnaſiaſten gnädig entgegen und geruhte, eine warme Anſprache zu halten und dieſe mit den Worten zu ſchließen: vivat, crescat, floreat gymnasium Budingense!

Am Morgen des zweiten Mai's bot die fürſtliche Gnade nicht blos allen Feſt⸗ genoſſen, ſondern auch den Damen Büdingens einen ſeltenen, im höchſten Grad er⸗ quickenden Genuß dar, indem Seine Durchlaucht der Fürſt Bruno ſowohl an alle Feſtbeſucher, als auch an die Damen der kleinen Muſeſtadt und an alle Gym⸗ naſiaſten nebſt ihren Eltern und Angehörigen Einladungen zu einerWaldpartie hatte ergehen laſſen. Die geladenen Perſonen verſammelten ſich um 9 Uhr im vor⸗ deren Schloßhofe und wurden von 2 Waldhorniſten, welche von Zeit zu Zeit luſtige Stückchen blieſen, nach dem Thiergarten geleitet. Bald nahm der nahe Wald die zahlreiche Gefellſchaft in ſeine friſchen, frühlingsgrünen Arme auf und winkte am Ufer des umfangreichen Weihers der anmuthige Ort, der zum Schauplatz der lieblichſten Idylle erkoren war. Hier angekommen, nahmen die Gäſte an langen Tiſchen im Schatten mächtiger Waldbäume Platz und thaten ſich gütlich an den dargereichten Er⸗ friſchungen. Der Genuß wurde erhöht durch die herzgewinnende Huld der anweſenden fürſtlichen Familie, ſowie durch intereſſante Trinkſprüche und den Vortrag heite⸗ rer Gedichte. Die ſchönſte Staffage der Idylle bildeten die gemiſchten Gruppen von Damen und Herren, von ehemaligen und jetzigen Schülern und Lehrern des Gymnaſiums. Nachdem die Geſellſchaft einige glückliche Stunden im ſchönen Walde genoſſen hatte, kehrte ſie in der heiterſten Stimmung nach Büdingen zurück. Die Erinnerung an dieſe vom herr⸗ lichſten Wetter begünſtigte,Waldpartie wird wohl jeder Theilnehmer und jede Theilneh⸗ merin jenen Erinnerungen beigeſellt haben, an denen der Menſch ſein ganzes Leben zehrt.

Der Tag wurde mit einem glänzenden Feſtballe in der Feſthalle beſchloſſen. So endigte in Freuden die ſchöne und bedeutungsvolle dreitägige Feier der 50⸗ jährigen Lebensperiode des hieſigen Gymnaſiums. Sie iſt ebenſo unvergeßlich in den Annalen der Anſtalt wie in den Herzen der Feſttheilnehmer eingeſchrieben.