Aufsatz 
Vier Wochen in London zum Ferienkursus 1906
Entstehung
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Die Leitung des ganzen Kurses lag in den Händen des Professors Rippmann. Sämtliche Teilnehmer werden dankbar anerkennen, daß er alles getan hat, was in seinen Kräften stand, um ihm zu einem guten Verlauf zu verhelfen. Von Anfang bis zu Ende schien er unermüdlich, gab er stets gern und freundlich Auskunft über alles, wonach er gefragt wurde und es waren der Anliegen gar viele und der verschiedensten Art. Getreulich standen ihm die beiden Fräulein Bell und Whyte zur Seite. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß auch die Damen und Herren, denen die Leitung der Uebungs- klassen oblag, ihr Bestes taten, um die Teilnehmer möglichst zu fördern. Der rege Besuch der Vorlesungen und Vorträge endlich bewies, mit welchem Interesse die Zuhörer ihnen folgten. UÜberreich war oft der Beifall, der am Schlusse gespendet wurde.

Das Programm des Ferienkurses war so reichhaltig, daß ich auf das beigefügte Verzeichnis verweisen muß, woraus die täglichen Vorlesungen, Ubungen und sonstigen Veranstaltungen zu ersehen sind. Ihnen wende ich mich nun im einzelnen zu; freilich ist es mir unmöglich, sie ausführlich zu besprechen, oder gar das Gebotene vollständig wiederzugeben.

In der oben erwähnten Jehanghir Hall eröffnete der derzeitige Rektor der Univer- sität, Sir Arthur Rücker, durch eine feierliche Ansprache die Arbeiten des Ferienkurses. Er wies hin auf die Entstehung und das Wachstum der Londoner Universität, ihre Eigen- art gegenüber den alten englischen Universitäten in Oxford und Cambridge, die Tätigkeit des University Extension Board, und hieß endlich uns Fremdlinge willkommen. Eine fest- liche Conversazione vereinigte in demselben Raume am ersten Abend alle Teilnehmer, und englische Damen und Herren bewiesen ihnen, daß es ein Vorurteil ist zu glauben, die Eng- länder wären unmusikalisch.

Die Reihe der Vorträge begann Professor Hall Griffin. Er hielt fünf Vorlesungen über Modern English Fiction(die englische Romandichtung der Neuzeit) und gab darin in sehr ansprechender Weise einen Überblick über die wichtigsten Vertreter der englischen Romanlitteratur. Von Richardson und Fielding, den Vätern des modernen Romans, aus- gehend, deren Bedeutung er eingehend würdigte, ging er über zu Hor. Walpole, Anne Radcliffe und Lewis, um dann das Leben und die Werke Walter Scotts zu besprechen. UÜber Jane Austen, George Elliot, Smollet und Marryat, kam er dann zu den beiden bedeu- tendsten neueren Romanschriftstellern Englands, zu Dickens und Thackeray, den unüber- troffenen Darstellern des Lebens der niederen und der höheren Volksklassen, deren Werke und Bedeutung er ausführlich behandelte. Seinem geistvollen, klaren und fesselnden Vor- trag folgten alle Zuhörer mit gespannter Aufmerksamkeit.

Ebenso gern hörte jeder seine beiden Vorträge über London unter den Tudors und Stuarts und unter den Georgen mit an, die durch Lichtbilder belebt wurden.

Nicht minder interessant waren die Vorträge von Dr. Frank Heath über Modern Educational Problems(Erziehungsfragen der Gegenwart). Er gab ein Bild von der eigen- artigen Entwickelung der Schulen in England verglichen mit derjenigen des Unterrichts- wesens auf dem Festlande: hier die Fürsorge des Staates, dort die Tätigkeit von Privat- leuten. Infolge dessen hat der Staat in England erst in den letzten dreißig Jahren die