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Sollen wir Lehrer denn aber nicht ſtreben, die Schüler allſeitiger kennen zu lernen, um ſie richtiger beurtheilen und auch erziehlich kräftiger auf ſie einwirken zu können? Allerdings, inſoweit wir dies vermögen. Eine Handhabe dazu bietet den Lehrern an einer und derſelben Schule ſchon der lebendige berufliche Verkehr mit einander. Durch dieſen wird ſchon manche Einſeitigkeit des Urtheils vermieden. Ein Schüler hat z. B. Anlagen und auch Luſt zu Sprachen, zeigt aber wenig Fähigkeit und Eifer in den mathematiſchen Fächern; ein andrer hat feinen Beobachtungsſinn, aber in Zeichnung und Schrift etwas Schönes zu bilden, dazu iſt er zu ungelenk. Auch außerhalb der Unterrichtsſtunden geben uns die Spiele der Kinder während der Pauſe einige Veranlaſſung, ſie näher kennen und beſſer beurtheilen zu können. Aber doch iſt und bleibt uns manche Seite ihres Weſens verborgen, und ſo ſind wir ſchon darum nicht im Stande, d viel, als es Manche von uns verlangten, zu ihrer Erziehung beizutragen.
Beiläufig will ich hier übrigens bemerken, daß auch manche Eltern ihre Kinder nicht vollſtändig kennen. Es wurde uns ſchon manchmal, wenn wir Eltern auf Vergehungen ihrer Kinder aufmerkſam machten, zweifelnd und faſt beleidigt erwidert:„Mein Sohn thut das nicht; mein Kind lügt nicht; unſere Kinder ſind beſſer erzogen.“ Und doch mußten ſich zuletzt die Eltern überzeugen, daß die Beſchuldigung gegründet war.
Es zeigte ſich hier, wie bei ſo manchen andern Fällen: Eltern und Lehrer müſſen, damit die Erziehung gedeihe, Hand in Hand gehen. Die hauptſächlichſten Erzieher ſind und bleiben aber doch die Eltern. Die Lehrer ſind, was Erziehung betrifft, ihre Gehülfen. Aber nicht die einzigen.
Außer den Eltern haben auch die übrigen Hausgenoſſen, bewußt oder unbewußt, bald günſtigen, bald ungünſtigen Einfluß auf die Erziehung der Kinder. Wie mancher Fehler, zu dem allerdings der Keim bereits im Kinde lag, iſt nicht ſchon durch den Einfluß ſchlechter Dienſtboten zuerſt zur Erſcheinung gekommen. Dagegen fehlt es auch nicht an Beiſpielen, daß eine treue, fromme Dienſt⸗ magd, vielleicht mehr als die Eltern ſelbſt, die im Kinde liegenden Keime des Guten hervorzulocken verſtand. Sehr wichtig iſt das Verhalten der älteren Geſchwiſter gegen die jüngeren. Wir haben wohl geſehen, daß ein Knabe, der ſelbſt dem Leichtſinne, der Trägheit, dem Muthwillen nicht ſehr zu widerſtehen die Kraft hatte, doch ſein jüngeres Brüderchen zum Guten anhielt. Das kam daher, weil er den Kleinen wahrhaft lieb hatte. Und denken kann ich mir, daß ein ſolcher Knabe, aus Liebe zu dem kleinen Bruder, ſich ſelbſt recht zuſammennimmt, um dieſem kein böſes Beiſpiel zu geben. So kann alſo der Verkehr der beiden Brüder mit einander beiden zum Segen gereichen und ihre Erziehung fördern.
Eine ſehr große Verantwortung laſtet auf älteren Geſchwiſtern, wenn ſie jüngere zu Böſem verleiten, wenn ſie ſie auf den Weg der Sünde führen. Sollten unter meinen Leſern Knaben oder Jünglinge ſein, die jüngere Geſchwiſter haben, ſo mögen dieſe Matth. 18, 6 aufſchlagen und nachleſen, was Chriſtus über diejenigen Menſchen ſagt, die Kinder„ärgern“, d. i. hier: zum Böſen verleiten. Vor beinahe einem halben Jahrhundert erſchlug in unſerer Stadt ein etwa neunzehnjähriger Jüngling ſeinen fünfzehnjährigen Bruder, und indem er dann ſagte:„Dem iſt jetzt wohl“, ließ er ſich ohne Widerſtand verhaften. Was war die Urſache dieſer ſchrecklichen That? Er hatte ſeit Jahren den jüngeren Bruder zu einer Sünde verführt; nun ſah er das ſittliche Elend, in das dieſer dadurch gerathen war; er wünſchte ihn daraus zu erretten, war aber, da er ja ſelbſt der Verführer geweſen war, natürlich nicht im Stande dazu. Da griff er denn zu dieſem verzweifelten Mittel.— Im


