— 15—
eine reale, ſondern auch eine ideale Richtung haben.“ Allerdings glaubte man dieſer„idealen Richtung“ ſchon da⸗ durch in ausreichendem Maße gerecht werden zu können, daß man die Zahl der Religionsſtunden vermehrte. Der Bildungs⸗ wert der Sprachen, der Literatur und der Geſchichte iſt noch nicht genügend beachtet. In den Bemerkungen zum Lehrplan iſt zwar geſagt, der deutſche Sprachunterricht an der Anſtalt werde„wahrhaft bildend ſein“, aber es iſt die Einſchränkung gemacht,„ſo weit es der Zweck des realiſtiſchen Unterrichts geſtattet“, und die Literatur iſt überhaupt nicht berückſichtigt. Das Franzöſiſche ſollte von vornherein„mehr praktiſch be⸗ trieben werden.“ Das Lateiniſche war ein nicht allgemein verbindlicher Lehrgegenſtand, und das Engliſche wurde über⸗ haupt nicht gelehrt. Geſchichtsunterricht wurde nur in den beiden oberen Klaſſen mit je zwei Stunden erteilt, weil in dem geographiſchen Lehrbuch von Schacht, nach dem gearbeitet wurde,„der geographiſche Lehrſtoff ohnedies mit der Geſchichte verbunden iſt, und deshalb die Schüler eine beſondere Reife in den eigentlich hiſtoriſchen Vortrag mitbringen.“ Der Turn⸗ unterricht fehlte noch ganz.
Es würde zu weit führen, wenn wir alle Aenderungen, die der Lehrplan unſerer Anſtalt im Verlaufe der hundert Jahre ihres Beſtehens erfahren hat, im einzelnen hier an⸗ führen wollten. Der Begriff der Realſchule war noch auf lange Zeit ſchwankend, und es mußte immer wieder darauf hingewieſen werden, daß ſie nicht auf beſtimmte Berufe vor⸗ bereite, ſondern daß ihre Aufgabe darin beſtehe, für eine „harmoniſche Entwicklung aller Kräfte des Verſtandes und Gemütes, verbunden mit einer ſachgemäßen Ausbildung des Körpers“ zu ſorgen. Das Ziel, dem unſere Anſtalt ebenſo wie alle anderen höheren Schulen zuſtrebte, war die„all⸗ gemeine Bildung“, und unſere Schule hatte, um ihren Charak⸗ ter zu wahren, einen beſonders ſchweren Stand; aber gerade weil ſie immer zu kämpfen hatte, iſt ſie auch von beſonderer Bedeutung für die Entwicklung des Realſchulweſens in Heſſen geworden. Sie war eine der erſten Realſchulen in Heſſen, und mit Stolz konnte 1859 der Direktor Dr. Steinberger feſtſtellen:„Sie galt der Behörde gleichſam als eine Verſuchs⸗ ſtation, von der ſie die gemachten Erfahrungen auf die ſpäter entſtandenen Schweſteranſtalten übertragen hat, und darum dürfen wir uns denn rühmen, auf die Entwicklung des Real⸗ ſchulweſens in unſerem Lande einen unverkennbaren Einfluß geübt zu haben.“


