Die Ettlinger Linien und ihre Geschichte.*)
In den verschiedensten Zeiten und bei den verschiedensten Völkern finden wir das Bestreben, ganze Landstriche durch zusammenhängende Befestigungsanlagen, die oft eine gewaltige Ausdehnung annehmen, zu schützen. Man denke nur, um einige Beispiele zu geben, an die chinesische Mauer, die Grenzwälle der Römer, die von Cäsar geschilderten Gebücke der Nervier im Hennegau, das Danewerk, die mittelalterlichen Landwehren und die Linien des 17. und 18. Jahrhunderts. Ja, ein Blick hinüber in die Täler der Mosel und der Maas belehrt uns, daß dieser Gedanke noch zur Stunde bei unsern westlichen Nachbarn lebendig ist.!) Die klassische Zeit solcher Landesbefestigungen war die zweite Hälfte des 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, das Zeitalter der„methodischen“ Kriegführung. Entgegen dem Grundsatz der neueren Kriegführung,‘das Ziel, die Ver- nichtung des Gegners, durch entscheidende Schläge zu erreichen, ging das Streben der damaligen Heerführer— Ausnahmen sind Prinz Eugen, Marlborough und Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden—, denen das Gelände mehr galt als der. Feind, dahin, möglichst unangreifbare Stellungen auszusuchen, durch Hin- und Hermärsche den Gegner zu ermüden, zu täuschen, durch Umgehung„herauszumanövrieren“, Festungen zu erobern
*) Verfasser erfüllt eine angenehme Pflicht, indem er der Direktion des Großh. Generallandes- archivs für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen und ihre tatkräftige Förderung seinen wärmsten Dank ausspricht; desgleichen gedenkt er mit Dank der Unterstützung, die ihm von seiten der Ober- direktion des Wasser- und Straßenbaus, in Sonderheit durch Herrn Regierungsrat Hergt und Herrn Baurat, Fliegauf, zuteil wurde.— Von den beigegebenen Plänen stammt der erste von dem auch am Karlsruher Schloßbau beteiligten Ingenieurleutnant J. Fr. v. Batzendorf, der zweite von dem 1734 an den Ettl. Linien tätigen braunschweigischen Fähnrich G. F. Riecke. Die scharfen Aufnahmen, von denen namentlich die des Batzendorfschen Originalplans in Anbetracht seiner absonderlichen Größe (70><197 cm) Beachtung verdient, verdanke ich Herrn Fritz Held, herald. Zeichner am General- landesarchiv.
1) Weitere Beispiele: Die medische Mauer(Xenophon), die Grenzwälle der Skythen(Herodbot), der Marder(Curtius Rufus), Karls des Großen Grenzwehren gegen die Slaven von Lauenburg bis an die Kieler Förde, die Wehren in den österreichischen Ländern gegen die Osmanen, in Rußland gegen die Tartaren und Tscherkessen(Kuban-Terek, Linienkosaken), Wellingtons Linien bei Torres Vedras (1809) zum Schutze Lissabons.


