Aufsatz 
Festschrift zur Einweihung des Neubaues der höheren Bürgerschule zu Dieburg am 6. August 1908
Entstehung
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Fünfundzwanzig Jahre vergingen, da erhielt Dieburg An⸗ ſchluß an die Odenwaldbahn durch die Strecke Dieburg⸗Reinheim, die, allerdings nur als Nebenbahn gebaut, am 30. September 1896 dem Verkehr übergeben wurde; gleichzeitig erhielt es Bahnverbindung nach der heſſiſchen Induſtrieſtadt Offenbach, ſo daß Dieburg nach Oſten und Weſten, nach Norden und Süden Bahnverbindung hat. Der Bahnverkehr bringt eine größere Bevölkerungsbewegung, eine ſtärkere Bevölkerungsmiſchung auch in konfeſſioneller Hinſicht. Die Bevölkerungsziffer ſelbſt iſt in erfreulichem Aufſchwung be⸗ griffen; ſie betrug bei der Volkszählung am 1. Dezember 1871 3735 Seelen, hatte alſo innerhalb 20 Jahren nur um 50 Einwohner zugenommen. Die Volkszählung vom 1. Dezember 1905 ergab dagegen 5557 Einwohner, 4674 Kath., 718 Evang., 165 Isr. ² Im Oſten der Stadt iſt ein vollſtändiger neuer Stadtteil ent⸗ ſtanden, und die zahlreichen Neubauten bekunden durch ihre ſolide und hübſche Ausführung den geſteigerten Wohlſtand und den neu erwachten Sinn für das Schöne auch im gewöhnlichen Wohn⸗ haus. In den öffentlichen Bauten gibt der Staat das Beiſpiel für Pflege des guten Geſchmacks, wir verweiſen auf das neue Kreisamt,(1900 1902) das Amtsgericht(1903 1905) und die Höhere Bürgerſchule(1906 1908). Das intenſivere kirchliche Leben bekundet ſich ebenfalls in ſtattlichen Bauten; ſo erſtand im Oſten der Stadt für die evangeliſche Gemeinde eine Kirche, die am 22. Auguſt 1889 dem Gottesdienſte übergeben wurde; die katho⸗ liſche Gemeinde erbaute an Stelle der alten Pfarrkirche, von der nur der Turm ſtehen blieb, eine große, dreiſchiffige Hallenkirche, eingeweiht am 9. Juli 1893, und hat ſchon durch freiwillige Gaben ein Kapital von 50 000 Mk. geſammelt, um in aller Bälde die altehrwürdige Gnadenkapelle erneuern zu können.

In dem Neubau einer höheren Bürgerſchule, deſſen Vol⸗ lendung ja Anlaß zu dieſem geſchichtlichen Überblick gegeben hat, zeigt ſich die geſteigerte Wertſchätzung höherer Bildung und die anerkennenswerte Bereitwilligkeit, hierfür auch materielle Mittel der Gemeinde zur Verfügung zu ſtellen.

So ſtellt ſich das Dieburg der Gegenwart uns dar als ein unter umſichtiger Verwaltung zielbewußt emporſtrebendes Gemein⸗ weſen unter dem Rückhalt einer reichen Vergangenheit.

Seidenberger.

1 St. Pr. Nr. 101 vom 20. Dezember 1871. Beiträge zur Statiſtik des Großherzogtums Heſſen. 58. Band, 2. Heft, Seite 67.