Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Der Relegirte iſt ein gewiſſer J. P. Höffner aus Trarbach a. M., qui matriculae publicae inscriptus et in numerum Beneficiariorum Chori Musici receptus est, ut ob injurias bellicas, quibus Patria ejus prope succumbit(1711), Studiorum coeptorum cursum ibi impeditum consolaretur, jedoch bald luxuriei deditus, tacito lapsu ad commessationes et discursitationes nocturnas proruens, eleemo- synarum beneficium turpiter decoxit, honestorum civium credulitati, commodato victum atque amictu, quibus haud indigebat, petendo et nihil solvendo, condiscipulorum, quos in avia vitiorum secum abripuit, pecuniae, libris et supellectili fallaces insidias struxit et dissipavit etc., ſpäter turpiter aufugit atque publice ad valvas Paedagogii citatus, ut et creditoribus et disciplinae legitimae satisfaceret, non rediit.

Eine an der Thüre des Paedagogs angeſchlagene Citation lautet folgendermaßen: Johann Daniel Wolffius Crumbacensis: Ob contumaciam et ex obstinatione octiduanam absentiam à laboribus et dis- ciplina Scholasticà hisce ad officium publicè revocatus atque ut intra biduum se sistat, sub poena relegationis publicae et exclusionis ab omnibus beneficiis peremptoriè citatur. P. P. Darmstadii ad valvas Paedagogii, die 24. Jan. 1711. Anmerkung des Rectors: Reversus intra statutum tempus iste Wolffius, delictum deprecatus atque post castigationem publicam in praesentia totius scholastici coetus a reliquis praeceptoribus factam receptus est in ordinem et numerum.

Die im Jahre 1668 befohlene Deduction der Schüler in die Kirche wurde unter dem Rector Stockhauſenals eine dem Geſchmack der neueren Zeiten nicht mehr angemeſſene und beinahe erniedrigende Ceremonie eingeſtellt. Im Jahre 1786 wurde verfügt, daß der Gottesdienſtſo wie bißher des Winters geſchehen, alſo künftig auch des Sommers, Morgends von 8 Uhr an und zwar jedesmal in Gegenwart zweyer Lehrer auf eine zweckmäßige Art mit ſämmtlichen Schülern im Paedagog gehalten, der Beſuch des Nachmittagsgottesdienſtes in der Stadtkirche aber dem eignen guten, durch gehörige Aufmunterung erweckten Triebe der Schüler und der Einſicht der Eltern überlaſſen und jedesmal durch einen Lehrer beaufſichtigt werden ſolle.

Ueber das Betragen der Schüler wurden häufig Klagen laut. 1698 fordert Fürſtl. Conſiſtorium den Rector M. Weyler auf, dafür zu ſorgen, daß die Paedagogici ſich beſſer in der Kirche betragen ſollten, da ſie nicht allein im Ein- und Ausgehenein großes, unordentliches durcheinander Geläuff und ſtampffen, ſondern auch zuweilen unter währendem Gottesdienſt ein großes Gewäſch und Gemurmel unter ſich halten, daß diejenige, ſo nahe bey ihnen ſitzen, faſt darvor ihnen nichts hören können, ſondern in der devotion verſtöret werden.

1707 beklagen ſich Haas, Paulini und Agricola über den Kaſtenverwalter Arnoldi,der ſie mit ehrenrührigen und scopticis terminis in einer an den Collegen Agricola geſchriebenen ſchmäh⸗Chartequen angegriffen habe, weil ſein Sohn aus einiger kindiſcher differenz den Kürtzeren gezogen habe. Das Con⸗ ſiſtorium werde ſelbſt einſehen, daß ein praeceptor publicus von denen actionibus, welche außer der Class auff denen Gaſſen zwiſchen den Schülern geſchähen, keine andre rationem zu geben habe, als daß er die delinquentes, wo ihm eine Klage vorgebracht werde, secundum acta et probata abſtrafe und ſie zu einer ſtillen conduite auf der Gaſſe ermahne. Quo facto habe er ſeinem Amte und statutis ein genüge gethan und ſei nicht verbunden auf den Gaſſen herum zu vagiren und die Buben nach Hauſe zu begleiten.

Die Klagen Arnoldi's und Anderer über verſchiedene Mißbräuche veranlaßten übrigens das Con⸗ ſiſtorium zu der gewagten Anordnung, nach dem Verlangen des Conrector Haasdas Werck recht zu unter⸗ ſuchen und die Knaben darüber abzuhören, daß der Hofprediger Bindewald und der Stadtpfarrer Braun in ſtille eine zimbliche anzahl Paedagogicorum verhören ſollten, was vor Beynahmen der Herr Conrector Haaß einigen Schülern gegeben, wie er dieſelbigen mit Haar ausrupffen und Schlägen tractiret, wohin die Schüler öffters und worzu papier bringen und geben müßten, wieviel exereitia ſie ſeit nächſtem examine gemacht hätten, wohin und wem ſie das Brennholtz, darüber ſie ihre Kleyder verdorben, ſchleppen und tragen müßten. Das Verhör fiel für den Conrector ziemlich günſtig aus; die Schimpfwörter reducirten ſich darauf, daß derſelbe den Arnoldieinen semper garrulum et inquietum, nichts deſtoweniger aber

13*