In die Reihe der gelehrten Anſtalten, die ſich die Aufgabe geſtellt haben, vorzugsweiſe auf dem Boden des klaſſiſchen Alterthums eine allgemeine Bildung des Geiſtes zu vermitteln und dadurch zugleich die Vorbereitung für ein Fachſtudium auf der Univerſität zu geben, tritt das Gymnaſium zu Darmſtadt erſt verhältnißmäßig ſpät und unter äußerſt ungünſtigen Verhältniſſen ein. Beſcheiden läßt es den Vorrang jenen uralten Pflegſtätten der Wiſſenſchaft, die zu St. Gallen, Reichenau, Fulda, Weißenburg i. E., Corvey ꝛc. in der Stille klöſterlicher Einſamkeit den Funken idealer Bildung bewahrten, der in dem gewaltſamen Umſturz der helleniſch⸗römiſchen Cultur durch die rauhe Hand der ungebändigten germaniſchen Volkskraft erloſchen zu ſein ſchien, wie den bewundernswerthen Schöpfungen der Humaniſten im Zeitalter der Renaiſſance, die der erſtarrten Form wieder neues Leben eingoſſen und nicht nur den Inhalt des klaſſiſchen Alterthums gegenüber dem theologiſchen Formalismus der ſpäteren Scholaſtik von Neuem zur Geltung brachten, ſondern auch die reizvolle Form nachahmten, die uns die wiſſenſchaftlichen Werke der Klaſſiker des Alterthums faſt ebenmäßig als vollendete Schöpfungen der Kunſt erſcheinen laſſen.
Zum zweiten Male war Jtalien*) berufen, die altklaſſiſchen Bildungsſtoffe dem Abendlande zu überliefern und in Wiſſenſchaft und Kunſt die Keime des Guten und Schönen auszuſtreuen, und Männer wie Dante, Bocaccio und Petrarca waren es, die nicht nur eine ganz Italien gemeinſame National⸗ und Schriftſprache ausbildeten, ſondern auch den erloſchenen Sinn für die Schönheiten der altklaſſiſchen Literatur wieder anfachten, oder als Erzieher, wie Guarino und Vittorino von Feltre an die Stelle des ſcholaſtiſchen Triviums und Quadriviums eine vernünftige Gymnaſtik ſetzten, ihre Zöglinge im Reiten, Ringen, Fechten, Bogenſchießen, Schwimmen ꝛc. übten und durch Abhärtung vor weichlichem Lebensgenuß zu bewahren ſuchten, wobei die geiſtige Ausbildung ſich auf die Sprachen, die Logik, Metaphyſik, Mathematik, Muſik erſtreckte, und auch Malen und Tanzen nicht vernachläſſigt wurden.
Mit einem Male erſtanden große Philologen, theils nach Italien übergeſiedelte Griechen, wie Manuel Chryſoloras, Gemiſtus Pletho, Beſſarion von Trapezunt und Georg von Trapezunt, theils Italiener, wie Marſilius Ficinus, Franz Philelphus, Poggius, Laurentius Valla, Angelus Politianus, Picus von Mirandola, die durch das Studium des Plato ſich für das Schöne begeiſtert fühlten und die häßliche, geiſtloſe Form der ausgearteten Scholaſtik bekämpften; das Studium des Ariſtoteles im Original ergab die merkwürdige Thatſache, daß dieſer gewaltige Geiſt gar nicht dem angeblichen Ariſtoteles der Scholaſtiker, dem Ausgangspunkt und der Grundlage eines gedankenloſen Dogmatismus, gleiche. Cicero wird Muſter des lateiniſchen Stils und mit ſtaunenswerther Gewandtheit, vielleicht allzu ſclaviſch, nachgeahmt.
In Italien holten ſich die großen deutſchen Gelehrten und Lehrer Rudolf Agricola, Reuchlin, Regiomontanus, Erasmus von Rotterdam und viele andere die neue klaſſiſche Bildung, indem ſie offen bekannten, daß ihr Ziel ſei, die Griechen und Römer gründlich zu verſtehen und in klaſſiſch⸗lateiniſcher Sprache auf dem Boden des Alterthums die Wiſſenſchaften zu fördern. In den berühmten Schulen zu Schlettſtadt, Heidelberg und Tübingen wurde die neue Wiſſenſchaft von Dringenberg, Wimpheling, Crato,
*) Raumer, Geſch. der Pädagogik I, 28 ff.


