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Shakespeare aber hat es nicht nur unternommen, ſondern auch verſtanden, das Häßliche zum Träger der Hauptidee eines ganzen Dramas zu machen oder die Veränderung des Edlen in das Häßliche, wie bei Macbeth, ſo zu ſchildern, daß man noch Achtung vor ſolcher Häßlichkeit behält, weil ſie den feſten Willen und den Glanz der Energie nicht verloren hat. Es iſt alſo jene„Einſeitigkeit und blinde Leidenſchaftlichkeit“, von der Ulrici ſpricht, nicht bloß auf das Edle zu beſchränken, ſondern muß auch beim Häßlichen in Erwägung gezogen werden, da auch dieſes in den Shakespeareſchen Dramen ein tragiſchen Ende nimmt.
An einer andern Stelle(S. 317 ff.), wo von der Weltanſchauung Shakespeares die Rede iſt, hat Ulrici dieſen Gegenſtand mit bewunderungswürdiger Genauigkeit behandelt, und das Häßliche nicht vergeſſen. Hier iſt die allgemeine Grundlage der tragiſchen Idee aber eine ganz andere, als die oben angeführle. Mit Recht findet Ulrici die Wurzel der Shakespeareſchen Weltanſchauung in den Grundideen des Chriſtenthums:„Sobald das Menſchliche, ſei es groß, edel, ſchön oder gemein, häßlich, umoürdig der ſittlichen Nothwendigkeit widerſpricht, muß es die Gerechtigkeit Gottes ertragen und in Leiden, Noth und Tod dahinſinken.“ Wie zeigt ſich nun aber dieſer Widerſpruch? Beim Edlen und Schönen„wenn es das objective Gute und Schöne(begründet im göttlichen Willen) mit ſeinem ſubjectiven Selbſt verwechſelt und nur nach Selbſtbefriedigung in ſeinen, wenn auch großen und edlen Leidenſchaften trachtet“; beim Häßlichen, wenn es einſeitig in ein einzelnes Gut oder Recht ſeine ganze Lebenskraft legt, alle übrigen hintanſetzt oder verletzt und ſo der ſittlichen Nothwendigkeit Hohn ſpricht, welche das Ganze höher zu achten fordert. Das Einzelne für ſich, dem Ganzen feindlich, ſinkt in ſich zu⸗ ſammen.“ Mit dieſer Erklärung der tragiſchen Seite von Shakespeare's Weltanſchauung kann man ſich einverſtanden erklären und im Grunde ſagt auch Gervinus nichts Anderes, (Shakespeare.— Band IV. S. 381) wenn er behauptet:„In allen Shakespeareſchen Tra⸗ gödien iſt der Gegenſtand immer der Umſchlag einer mehr oder weniger edlen Natur unter dem Uebergewicht einer großen Leidenſchaft“. Mit dem„mehr oder weniger edlen Natur,“ worauf der Hauptton zu legen iſt, hat auch dieſer Kunſtrichter das Häßliche in der Tragödie berück⸗ ſichtigt. Um aber jeden Wortſchwall zu vermeiden, würden wir die tragiſche Idee bei Shakes⸗ peare darin begründet finden, daß der Menſch ſeinen Willen ſtatt des göttlichen ſetzt. Thut er das, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß er mit der ſittlichen Nothwendigkeit in Conflict geräth, in welchem ſeine mehr oder weniger edle Natur zu Tage kommen muß. Auch für Schillers tragiſche Idee werden wir eine andere Erklärung nicht nöthig haben.
Gehen wir jetzt zu der Betrachtung deſſen über, was Ulrici(S. 878) über die Aehnlichkeit der Helden Macbeth und Wallenſtein anführt. Die Berührungspunke, welche er zwiſchen dieſen Characteren auffindet, ſind folgende:


