Aufsatz 
Schiller's Wallenstein und Shakespeare's Macbeth
Entstehung
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Schillers Wallenſtein und Shakespeares Macbeth.

Uaae hat in ſeinem Werke über Shakespeare's dramatiſche Kunſt(2. Auflage Seite 876) behauptet, daß Schiller in der allgemeinen Grundlage der tragiſchen Idee mit Shakespeare vollkommen übereinſtimme. Am meiſten zeigt ſich dies nach ſeiner Anſicht in den Dramen Wallenſtein undMacbeth, wenn man vom Schluſſe abſieht, welcher im Wallenſtein mehr der antiken Tragödie mit ihrer Schickſalsidee ſich zuwendet, während er im Macbeth der chriſtlichen Anſchauungsweiſe treu bleibt.

Worin beſteht nun aber die tragiſche Idee bei Shakespeare? Ulrici findet ſie in der poetiſchen Darſtellung des Untergangs des menſchlich Großen, Edlen und Schönen an ſeiner eignen Schwäche, Einſeitigkeit oder blinden Leidenſchaftlichkeit. Wenn dieſe Erklärung zugleich für Shakespeare Geltung haben ſoll, ſo hat ſich Ulrici zu kurz gefaßt. Zugegeben, daß wir mit ihr bei Schiller nicht in Verlegenheit gerathen werden: bei Shakespeare wird ſie uns im Stiche laſſen, ſobald wir Charaktere, wie Richard III., König Johann und zum Theil auch Macbeth ergründen wollen. Nicht nur das Edle und Schöne, ſondern auch das Verabſcheuungswerthe und Häßliche muß mit in die Erklärung aufgenommen werden, wenn ſie Anſpruch auf erſchöpfende Vollſtändigkeit machen will. Das Häßliche hat Schiller niemals zum Hauptvertreter der tragiſcheu Idee in ſeinen Dramen gemacht; ſeine Helden ſind alle groß und edel. Von Karl Moor bis Wilhelm Tell weiſt Schillers Heldengallerie keinen auf, der ſich im entfernteſten mit Richard III. bei Shakespeare vergleichen ließe. Das Häßliche iſt in Schillers Tragödien nur das gemein Wirkliche(Wurm), und ſittlich Verdorbene(Franz Moor und Muley Haſſan) ohne etwas Heldenhaftes an ſich zu haben. Deshalb wird auch jene Erklärung für Schiller ausreichen.